Ode an Etwas

 
 
 
 
 
Unzeit
 
 
 
 
Nichtort
 
 
 
vitagenznetsixE
 
 
Plötzlich: Lautmalerei. Chaotisch zunächst, dann geordneter, geregelt. Gleichmäßig anschwellend, mehr und mehr mit Stimme versehen – Rezitative, Arien, Chor. Begleitet durch einen Basso continuo in akkordischer Ausführung. Haydn Gott ruft – zur allerersten Morgenröte.

Erschafft die Erde.

7 Tage hat er dafür gebraucht, im Großen und Ganzen, schenkt man Mythologie und Überlieferung … Glauben. Zumindest als Anhänger der christlichen Gotteslehre.

Kurz danach dann: Der Mensch, mit Adam und Eva als inzestuöser Speerspitze unserer ruhmreichen Spezies. In Folge – der ganze Rest.

Genesis. Reality Soap Welt.

Sündenfall. Hass, Liebe, Krieg und Tod. Vergebung und Vergeltung.

Seitdem, immerdar im Grunde: Repetition.

Textrenner

Meinen Myokardinfarkt hatte ich am 05. November 2009, im Alter von 41 Jahren. Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag. Den gemeinsamen Ausflug; Sonntags in den Park mit meiner Frau und unserem ersten Kind.

Wir spazieren gerade einen schmalen Waldpfad entlang und unser Sohn rennt lachend auf mich zu. Er hält einen Stock – umfunktioniert zum Schwert – in seiner kleinen Hand und plappert aufgeregt vom soeben ausgetragenen Gefecht mit einem Baum. Seine Gestik, seine Mimik, alles an ihm strahlt Lebendigkeit in reiner Form aus. Unbändiges Wachstum.

Seine hastig vorgetragene Geschichte erreicht ihren Höhepunkt, als extremer Schmerz jäh meinen gesamten Oberkörper erfasst und mich – begleitet von einem heftigen Schweißausbruch – auf den Waldboden zwingt. Ich fühle mich als würde, wie durch eine gigantische Presse, innerhalb eines Sekundenbruchteils sämtliche Luft aus meiner Lunge gedrückt.

Zusammengekrümmt, auf allen vieren kauernd, kotze ich unserem (in seiner Erzählung innehaltenden) Sohn direkt vor die Füße. Kippe dann zur Seite, rolle auf den Rücken und blicke schwer atmend in windbewegte Baumkronen. Das Rauschen in meinen Ohren vermischt sich mit dem Rauschen der Blätter.

Erbrochenes vermischt sich mit Erdreich.

Meine Existenz beginnt, sich mit dem Äther zu vermischen.

Unser Sohn betrachtet mich mit kindlicher Neugier. In seinen Augen vermischt sich Belustigung mit steigendem Unverständnis.

Meine Frau beugt sich über mich. Sagt mir etwas, dass ich nicht verstehe. Mein Blick wird unscharf.

Dunkelheit vermischt sich mit Licht.

Ich verliere das Bewusstsein.

Textrenner

In den Tagen und Wochen der Genesung begann ich zum ersten Mal in meinem bis dato von atheistischen Anschauungen geprägten Leben über die mögliche Existenz einer allmächtigen, allgegenwärtigen Entität nachzudenken.

Gott – besser: Eine vage Vorstellung von Gott – trat auf den Plan.

Textrenner

Zumindest in einem Aspekt ähneln sich sämtliche Glaubensrichtungen: ‘Danach’ ist besser als ‘Jetzt’. Was in einem interessanten Widerspruch zur landsläufigen Meinung steht, das ‘früher alles besser’ war …

Die Frage, die man sich in diesem Zusammenhang stellen muss, ist: WARUM sind alle religiösen Weltbilder so zukunftsorientiert oder – im Umkehrschluss – so Jetzt-verneinend? Anders ausgedrückt: Impliziert nicht der Wunsch beziehungsweise die Vorstellung eines besseren Lebens nach dem Tod, dass das gerade gelebte Leben alles andere als gut ist?

Bilder von Fanatikern, von Fanatismus, tauchen vor meinem inneren Auge auf: Ein in seinen Grundfesten gequälter Mensch, der die Welt als sündenverstopfte Abschlussprüfung auf seinem Weg zum ultimativen Job erachtet.

Harfespieler auf Wolke 7. Fuck yes, baby!

Textrenner

Ich mochte mein Leben. Ich mag mein Leben. Sieht man von den unzähligen verpassten Chancen ab, den ‘Was-wäre-wenn’s; all der Kohle, die nicht verdient, all den Mösen, die nicht beglückt wurden … verläuft es bisher ziemlich überragend.

Jedoch, der Infarkt hat es gezeigt: Dieses Leben, es vergeht. Die Maschine, die meinen Geist beflügelt, verschleißt. Nutzt sich ab, kontinuierlich; ist schon lange abgeschnitten von jeglicher Nachschubversorgung.

Was bleibt, ist der Wunsch, dass die eigene Existenz nicht unwiderbringlich endet. Vollends ausgelöscht, aus dem universellen Ganzen getilgt, zu Nichts wird.

Wie es scheint, eröffnet das Universum zwei Optionen. Ein ‘Geh aufs Ganze’ kosmischen Ausmaßes, quasi. Entweder der schwerlich beleg- aber ebenso schwerlich widerlegbare Weg des Glaubens. Oder die atheistische Überlegung der Wissensweitergabe an den Nachwuchs – bevor das eigene Wissen in Vergessen diffundiert.

Danke, Jörg: Ich wähle Tor Nummer 2! Zu nebulös erscheint der Gedanke ans paradiesische Himmelreich …

Allerdings: Auch im weltlichen Ansatz entdeckt man bei genauerer Betrachtung Risse im Fundament. Der Wissensübertrag an kommende Generationen – er ist verbunden mit Schwund und Verlust. Im schlimmsten Fall unwiderbringlich. Ganz im Gegenteil zum Kollektivgedächtnis jeglichen Götterglaubens.

In Ewigkeit, Amen!

Deshalb ist sie da, die Erkenntnis: Die Hoffnung, dass etwas – irgend etwas – weitergeht, wenn die Fleischlichkeit endet; dass die Seele transzendiert und nicht durch das Ersterben elektrochemischer Impulse ausgelöscht wird, erweist sich als mächtige Kraft hinter jedem göttlichen Glaubensbekenntnis.

Textrenner

Indes: Von meinem persönlichen Standpunkt aus betrachtet weist Götterglaube mehrere fundamentale Probleme auf.

Zunächst, wie zuvor beschrieben: Man muss sich darauf einlassen. Unlogik annehmen, Widerspruch akzeptieren.

Nicht sonderlich einfach für Menschen, erzogen in einer technisierten, naturwissenschaftlich-logischen Welt. An den Mann auf der Wolke oder einen achtarmigen Kriegsgott zu glauben erscheint nicht mehr oder weniger sinnvoll, als an den Weihnachtsmann. Oder an eine Teekanne

Hat man diesen allerersten Schritt gewagt, lässt man also ein Gutteil Logik fahren und bewegt sich herunter vom Festland Rationalismus, hinauf auf das dünne Eis Glaube, steht das eigentliche Dilemma erst bevor: Welchen Glauben glaube ich? Welche Form nimmt mein Glaube an?

Monotheismus oder Monolatrie?

Polytheismus gar?

Zugegeben: Der Mehrzahl der Gläubigen bleibt diese Entscheidung – zunächst einmal (möglicherweise ihr ganzes Leben lang) – erspart. Ihr Weltbild (somit auch, ihr Feindbild …) wird Ihnen de facto ‘in die Wiege’ gelegt. Glauben hängt von Erziehung ab; Erziehung wiederum in hohem Maße von Fremdbestimmung.

Aus diesem Grund ist Glauben eng mit Überzeugung verwoben.

Die Symbiose aus beiden Verhaltensmustern erzeugt (hier, erneut, dieses Wort): Fanatismus.

Es scheint, als wollten Menschen glauben, um zu hassen. Hassen, um zu lieben. Lieben … um zu leben?

Leben, um zu glauben.

Der Kreis schließt sich. Ich betrachte die unterschiedlichen Glaubensrichtungen, vergleiche sie miteinander, beobachte Konflikte und erkenne: Götterglauben widerlegt sich selbst, durch seine eigene, stringente Mythologie, die keinen anderen Glauben neben sich zulässt. Nur dass es eben unzählige dieser stringenten Mythologien gibt … die nebeneinander existieren?

Diese Betrachtung wiederum ist vollzogen unter dem Aspekt einer übergreifenden ‘Weltlogik’.

Deshalb strande ich zwangsläufig bei der Frage: Darf ich unlogisches logisch analysieren?

Textrenner

Was nicht bedeutet, dass ich keine Götter verehre. Verdammte Scheisse, wie definiert sich ‘Gott’ überhaupt?

Er, es, ist tatsächlich mehr als Symbolik, Opfer und spirituelle Hingabe, mehr als Leben nach dem Tod – sowohl im Rahmen von Religion als auch in der Metaphysik. Ganz allgemein bezeichnet der Begriff eine ‘höhere Macht’ …

Doch, doch – ich glaube.

An die Fotze; lockend, safttriefend vor Geilheit. Göttin der Gier.

An Produkt, Dienstleistung, Service. Gott des Konsums.

An den vorbehaltlos offenen Blick meines Sohnes, direkt ins Zentrum meiner Seele. Götter im Hier und Jetzt.

An Hedonismus. An Moral und Amoral.

An ‘Jeder bekommt, was er verdient’.

Daran, dass das Leben explodiert – manchmal: Dir mitten ins Gesicht.

Glaube am Arsch.

Glauben ist alles!

Ich glaube an Leid und Tod, an Leidenschaft und Ekstase. An Libertinage und Holocaust der menschlichen Rasse. Verursacht durch den Menschen selbst.

Ja. Ich glaube!

A God

Not a person
nor a thought

This is it
My last resort
The place where I fuck my virtual whores

My hideaway
My refuge

Where I mentally bleed
Bodily bleed

Mindfully excavate my
creative seed

My empire state of mind

The place where I wasted my youth

Eye for an eye
a tooth for a tooth

 

Kenne deine Götter!

 

Getaggt mit , , , , , , ,

Tove Lo – Herzbruch mit Anspruch

I eat my dinner in my bathtub
Then I go to sexclubs
Watching freaky people gettin’ it on
It doesn’t make me nervous
If anything I’m restless
Yeah, I’ve been around and I’ve seen it all

I get home, I got the munchies
Binge on all my Twinkies
Throw up in the tub
Then I go to sleep
And I drank up all my money
Days get kinda lonely

You’re gone and I gotta stay
High all the time
To keep you off my mind
Ooh-ooh, ooh-ooh
High all the time
To keep you off my mind
Ooh-ooh, ooh-ooh
Spend my days locked in a haze
Trying to forget you babe
I fall back down
Gotta stay high all my life
To forget I’m missing you
Ooh-ooh, ooh-ooh

Pick up daddies at the playground
How I spend my daytime
Loosen up the frown,
Make them feel alive
I’ll make it fast and greasy
I’m on my way to easy

You’re gone and I gotta stay
High all the time
To keep you off my mind
Ooh-ooh, ooh-ooh
High all the time
To keep you off my mind
Ooh-ooh, ooh-ooh
Spend my days locked in a haze
Trying to forget you babe
I fall back down
Gotta stay high all my life
To forget I’m missing you
Ooh-ooh, ooh-ooh

Staying in my play pretend
Where the fun, it got no end
Ooh
Can’t go home alone again
Need someone to numb the pain
Ooh

Bemerkenswerte Aussage.
Bemerkenswerte Produktion.
Bemerkenswerte Frau.

Sehen, hören, staunen:
 

 

Getaggt mit , , , , ,

line of thought

Ich bin wieder 12. Stehe auf dem Dach des Schulgebäudes. Der Wind fährt durch mein Haar, über mein Gesicht, zerrt an meiner Kleidung. Ich schaue nach unten, auf den Innenhof, beuge mich nach vorne, leicht, weiter, teste mein Gleichgewicht, meine Risikobereitschaft. Verlagere meinen Oberkörper, dem Wind entgegen. Denke darüber nach, wie sich der Fall anfühlen würde, die zunehmende Geschwindigkeit.

Ich bin wieder 7. Besuche den Jahrmarkt, zusammen mit meinem Vater. Zum ersten Mal Achterbahn, mein Herz zerspringt vor Aufregung und Nervosität. Vater hält mich fest im Arm, ich bin noch zu jung, Haut und Knochen, ein bisschen Gehirn. Es besteht Gefahr, dass ich herausrutsche aus der Sicherungshalterung, hinein in den Abendhimmel. Fliegen. Frei.

Stelle mir vor, ich bin 18. Im Sportwagen. Rase durch die mondhelle Nacht. Alleine auf der Straße. Beschleunige, im Rausch. In Ekstase.

Denke nach über den Aufschlag.
Das Auto zerschmettert.
Der Körper zerschmettert.

Ich hätte springen sollen, im Nachhinein betrachtet. Vielen Menschen wäre großes Leid erspart geblieben.

Getaggt mit , , , , , , ,

‘Kommentare mögen’ – aktiviert!

Schön. Jetzt kann ich mich zusätzlich per Klick für aktive Beteiligung bedanken. Ich mag!

I like!

Getaggt mit

, zumindest Lungenkrebs

Rauchen_bildet_031109

Getaggt mit , , , , , , ,

J.

PrologAls ich 19 Jahre alt war, unterhielt ich eine Beziehung zu einer außerordentlich unansehnlichen Frau.

Damit meine ich: Sie war wirklich scheußlich anzusehen. Ihr Gesicht wurde von einem Ausschlag aus dunkelroten, nässenden Pusteln nahezu vollständig bedeckt (ihre rechte Wange war der einzige Bereich, der von dieser Entstellung verschont geblieben war). Ihr Haar war stumpf und für ihr Alter viel zu dünn. Ihr gesamter Körper vermittelte den Eindruck, bereits früh aus der Form geraten zu sein; in seiner Anmutung war er unpräzise und teigig. Rückwirkend betrachtet erinnerte sein Anblick tatsächlich genau daran: An einen Teig, der zum Gehen an einem feuchtwarmen Ort abgelegt und dort vergessen wurde. Wenn ich ehrlich bin komme ich nicht umhin zu sagen: Ihr Aussehen war kaum zu ertragen.

Über ihre geistigen Qualitäten vermag ich wenig zu berichten. Wenn ich schreibe ‘unterhielt’, trifft dies recht exakt den Kern unseres Verhältnisses – die Frau diente meiner Unterhaltung. Unser Kontakt war sexueller Natur.

Abschnitt IZum ersten Mal wahrgenommen hatte ich Julia auf einer der vielen Feiern, die gegen Ende der Schulzeit im Zentrum der Aufmerksamkeit junger Erwachsener stehen. Ich weiß noch genau, wie erstaunt ich war, im Rahmen einer solchen Feier auf einen so ausnehmend hässlichen Menschen zu treffen.

Zwar besuchte sie das Fest (was in meinen Augen Anerkennung verdiente), begab sich dort jedoch bereits nach kurzer Zeit wieder in die Rolle des stillen Sonderlings. Alleine, mit einem Getränk in der Hand, stand sie in der Nähe des Ausgangs am Rande des Saales und beobachtete die Feiernden.

Warum ich Julia an diesem Abend ansprach, kann ich bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Möglicherweise aus Mitleid. Eventuell, um mein Ego aufzubessern. Vielleicht wollte ich mir einen bösen Scherz mit ihr erlauben?

Höchstwahrscheinlich war es jedoch so, dass ich bereits zu diesem Zeitpunkt spürte, wie groß Julias Opferbereitschaft und Drang zu völliger Selbstaufgabe war.

Welcher meiner Beweggründe letztlich der entscheidende war – trotz ihrer körperlichen Hässlichkeit übte Julia von diesem ersten Moment an eine unerklärliche Anziehungskraft auf mich aus.

Nachdem ich ihr ein Getränk ausgegeben und ein wenig mit ihr geplaudert hatte, war ich nicht minder erstaunt als ich erfuhr, dass sie schon vor etwas mehr als einem Jahr mit Ihren Eltern in einen Nachbarort gezogen war und seitdem meine Schule im gleichen Jahrgang besuchte. Ich weiß noch wie seltsam es mir erschien, dass sie mir dort zuvor nicht aufgefallen war.

Julia lockerte ihre Zurückhaltung bereits nach wenigen Minuten und begann, unbeholfen über sich und ihr Leben zu reden (es war ihr anzumerken, wie wenig Erfahrung sie im Umgang mit ihren Mitmenschen hatte).

Ich muss gestehen: Ihre Ausführungen interessierten mich wenig. Ungeduldig fuhr ich ihr ins Wort und lenkte unser Gespräch im Anschluss daran rasch in ordinäre Bahnen. Unverblümt erzählte ich ihr von meinen sexuellen Vorlieben und führte Details meiner obszönen Wünsche aus.

Es hatte den Anschein, als würde alleine die Tatsache, dass Julia mir zu diesem Zeitpunkt völlig fremd war dafür sorgen, dass ich mich ihr gegenüber ungewohnt offenherzig verhielt. Bei genauerer Betrachtung spielte jedoch bereits hier ihr devotes Naturell eine entscheidende Rolle – ich erachtete Julia vom Beginn unserer Beziehung an als mir gegenüber minderwertig.

Julia war eine aufmerksame Zuhörerin. Ihr Gesichtsausdruck während unserer Unterhaltung verhieß – trotz meines egoistischen Auftretens (gerade deswegen?) – Interesse, Verständnis … Faszination?

Im Anschluss an unser Gespräch tauschten wir Nummern aus.

Julia verließ die Feier kurze Zeit später.

Abschnitt IIWenige Tage danach nahm ich erneut Kontakt zu Julia auf und traf mich in den darauf folgenden Wochen regelmäßig mit ihr. Sie meinen Eltern und meiner Schwester vorzustellen kam natürlich nicht in Frage. Offen gestanden war es mir in hohem Maße peinlich, in meinem vertrauten Umfeld mit ihr zusammen gesehen zu werden. Genauso wenig war ich erpicht darauf, Julias Familie kennenzulernen.

Aus diesem Grund trafen wir uns ausschließlich an neutralen Orten. Meist verabredeten wir uns gegen Abend an einer Straßenecke unweit ihrer Wohnung. Ich hatte meinen Führerschein direkt mit Erreichen des achtzehnten Lebensjahres bestanden und von meinen Eltern zur Belohnung einen gebrauchten, cremeweißen Volkswagen Golf II geschenkt bekommen. Mit diesem fuhren wir gemeinsam in die nächste Stadt.

Versuchte ich, im Rahmen der ersten Verabredungen noch den Anschein einer aufkeimenden tiefergehenden Beziehung zu wahren, reduzierte ich mit der gleichen Forschheit, mit der ich bei unserer ersten Begegnung das Gesprächsthema auf Sex gelenkt hatte, sämtliche Romantik aus unseren Treffen.

Bereits am ersten Abend, nach einem gemeinsamen Kinobesuch und einem Essen bei einem qualitativ durchschnittlichen Italiener, mieteten wir uns in ein Stundenhotel ein und ich fickte Julia dort ausgiebig.

Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich schätze, dass sich unsere Treffen bereits ab der vierten oder fünften Wiederholung genau darauf beschränkten: Wir verabredeten uns telefonisch, ich sammelte Julia an besagter Straßenecke auf, wir fuhren in die Stadt und ich fickte sie während der Nacht in einem der Zimmer des Hotels.

Davon abgesehen hatte ich keinerlei Kontakt zu ihr. In der Schule ignorierte ich Julia vollständig, was mir aufgrund der Tatsache, dass wir unterschiedliche Kurse besuchten und sie keinerlei Berührungspunkte mit meinem Freundeskreis hatte, ohne größere Anstrengung möglich war.

Abschnitt IIIMit fortschreitender Dauer unserer Treffen spiegelte sich in Julias Verhaltensweise in immer stärkerem Maße ihre verzweifelte Hingabe an mich und ihre Position im Rahmen unserer Beziehung wider. Ohne weitere Absprachen ordnete sie sich während unseres Aufenthalts im Hotel meinem Verlangen unter und nahm die Rolle der devoten Gespielin an. Möglicherweise war es aber auch das exakte Gegenteil: Sie legte während dieser Zeit die Rolle ab, die sie im Alltag spielte.

Nachdem ich meine anfängliche Intuition diesbezüglich bestätigt sah erkannte ich: Julia würde alles für mich tun. Je unzumutbarer meine sexuellen Phantasien, je dringlicher mein Wunsch zu deren Umsetzung, desto bereitwilliger würde sie mir dafür zur Verfügung stehen.

Macht ist ein erhabenes Gefühl. Vielfältige Möglichkeiten breiten sich vor dem geistigen Auge aus. Locken und buhlen um Aufmerksamkeit. Wollen ergriffen, in die Tat umgesetzt werden. Überfluss hingegen … stumpft ab. Erzeugt Gier und schafft Extreme.

Ein Verlangen nach mehr, mehr, immermehr.

Ungefähr sieben Monate nach unserem ersten Aufeinandertreffen hatte sich unsere Beziehung zu effizienter Routine gewandelt: Telefonisch teilte ich Julia den Zeitpunkt des nächsten Treffens, eine Auflistung an Forderungen, die sie vorab für mich erfüllen sollte sowie einen genauen Ablauf des Abends mit. Ich entwickelte eine perfide Leidenschaft für das Ersinnen immer demütigender Szenarien.

Anregung besorgte ich mir in Sexshops, die ich ab und zu mit Julia besuchte. Es bereitete mir außerordentliches Vergnügen, dort ausgiebig mit ihr über die Verwendungsmöglichkeiten bestimmter Sexspielzeuge oder die Vorzüge einzelner Sexualpraktiken zu reden. Im Gegensatz dazu wurde während unseres Aufenthalts im Hotel kaum gesprochen; oftmals war Schweigen sogar eine der Vorgaben, die ich Julia vorab telefonisch erteilte.

Ich will offen sein. Noch heute verspüre ich heftige Erregung, wenn ich an das Ausmaß der Perversion denke, das ich im Rahmen unseres damaligen Verhältnisses auslebte.

Tatsächlich nahm ich Julia zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als menschliches Wesen wahr. Vielmehr erschien sie mir als Werkzeug zu meiner Befriedigung, als Gegenstand zur Sättigung unersättlicher Gier.

Wenn ich etwa Julia mit meinem Schwanz in den Mund penetrierte, ihn bis zum Anschlag in sie hineinschob, gab sie mir zu verstehen, wie bereitwillig sie ihr Leben meiner Erektion unterordnete. Dass sie meine Befriedigung über ihr Leben stellte – indem sie sich einverstanden erklärte, daran zu ersticken.

Rekapituliere ich die Treffen im Detail ist mir unverständlich, wieso Julia keinerlei bleibende körperliche Schäden davontrug. Jedoch, es war so. Ungeachtet der Tatsache, mit welch ungestümer Brutalität ich sie in dieser Zeit benutzte.

Heute bin ich mir sicher: Julia degradierte sich in ebensolchem Maße selbst, wie ich sie degradierte. Sie beschloss, nichts weiter zu sein als ein Objekt.

Verfügbar gemacht zu meinem Amüsement.

Abschnitt IVWährend dieser Phase stellte meine Schwester mir Nina vor, ein hinreißendes siebzehnjähriges Oberstufenmädchen.

Ich begann, mit ihr auszugehen. Im Gegensatz zu den Hotelbesuchen (die ich weiterhin regelmäßig mit Julia arrangierte) waren diese Verabredungen geprägt von Romantik und unschuldiger Intimität.

Aufgrund Ihres Charmes verstand sich Nina prächtig mit anderen Menschen. Meinen Eltern war sie bereits durch die Freundschaft zu meiner Schwester bekannt und in meinem Freundeskreis wurde sie schnell akzeptiert. Innerhalb kürzester Zeit verband mich eine tiefe Vertrautheit mit ihr und aus Freundschaft wurde Zuneigung.

Zeitgleich agierte ich im Umgang mit Julia immer unmenschlicher; gerade so, als wollte ich mit der Realisierung meiner übersteigerten Perversionen einen eindeutigen Kontrapunkt zum Harmonieverhältnis mit Nina setzen. Ich kann sagen: Ebenso, wie sich die von mir geführten Beziehungen in immer stärkerem Maße gegensätzlich entwickelten hatte ich das Gefühl, mich in zwei unterschiedlichen Richtungen immer weiter von mir selbst zu entfernen.

Ich möchte im Zuge dieser Schilderungen jedoch sofort betonen, dass mich mein Umgang mit der damaligen Situation in keiner erkennbaren Weise beeinträchtigte. Im Gegenteil: Es scheint, als lebte ich gerade aufgrund der beschriebenen Umstände ein unbeschwertes Leben.

Tatsache ist: Ich hatte meinen Spaß.

Obwohl Julia von meiner Beziehung mit Nina unterrichtet war, stand sie dieser Entwicklung augenscheinlich gleichgültig gegenüber. Sie sprach nicht darüber, äußerte keine neuen oder geänderten Ansprüche an unser Verhältnis und änderte auch sonst nichts an Frequenz und Ablauf unserer Treffen. Falls ich eine Verhaltensänderung an ihr bemerkte dann die, dass sich ihre Opferbereitschaft noch weiter steigerte (sofern dies überhaupt möglich war).

Umso unvorbereiteter war ich, als der Kontakt zu Julia kurze Zeit später jäh abbrach – sie ignorierte meine Anrufe und erschien auch nicht mehr zur Schule, wie meine Erkundigungen bei ihrem Lehrer ergaben.

Ich möchte ehrlich bleiben: Mein primäres Interesse an Julias Verbleib galt nicht etwa der Sorge um Julia selbst, sondern vielmehr der wachsenden Angst, mein wichtigstes Sexspielzeug zu verlieren. Kontakt zu Julias Familie nahm ich dennoch nicht auf; mein Unbehagen diesbezüglich war ungebrochen groß.

Abschnitt VAm 05. November 1993 wird zum ersten Mal das Gerücht laut, Karstadt wolle den Hertie-Konzern aus Gründen der Logistik- und Gewinnoptimierung übernehmen. Das RAF-Kommando veröffentlicht ein Schreiben das deutlich macht, wie stark die Gruppe von inneren Unruhen zerrüttet und in ihrem ideologischen Kurs uneins ist. Weimar wird zur Kulturhauptstadt Europas 1999 ernannt – und die australische Bevölkerung durch mehrere Leichenfunde im Outback in Angst und Schrecken versetzt.

Am 05. November 1993 erfuhr ich von einem Bekannten, dass Julia sich auf dem Dachboden ihres Elternhauses erhängt hatte.

EpilogGegen Jahresende erhielt ich einen Brief von Julias Eltern. Wie sich herausstellte, war ich ihrem Verständnis nach – und basierend auf Aussagen ihrer Tochter – bis zu Julias Suizid ihr fester Freund.
Im Schreiben drückten die beiden ihren tiefempfundenen Dank mir gegenüber aus; es sei erstaunlich, mit welcher Hingabe ich mich trotz meiner vielfältigen privaten Verpflichtungen ihrer Tochter gewidmet habe. Man sei sich sicher: Hätte Julia sich in ihren letzten Wochen nicht so konsequent aus dem Leben zurückgezogen und ich somit etwas mehr Zeit mit ihr verbringen können – die Dinge hätten einen anderen Verlauf genommen.

Dass man bisher keine Chance gehabt habe sich kennenzulernen und dass ich der Beerdigung nicht beiwohnen konnte sei absolut verständlich, wenngleich auch höchst bedauerlich.

Nun, nachdem alle ‘weiteren Angelegenheiten’ geklärt seien, wolle man keine Umstände bereiten – aber dennoch den Vorschlag unterbreiten, sich bei Gelegenheit zwecks Sichtung und möglicher Übergabe mehrerer persönlicher Gegenstände zu treffen.

TextrennerIch habe niemals auf dieses Schreiben reagiert – Julias Eltern unternahmen ihrerseits keinen weiteren Versuch der Kontaktaufnahme. Den Brief bewahre ich zusammen mit den schriftlich fixierten Auflistungen und Ablaufplänen der Treffen mit Julia noch immer auf. Einem kostbaren Schatz gleich sind die Schriftstücke in einer kleinen verschließbaren Holzschatulle in der Schublade meines Schreibtisches deponiert; verborgen vor Nina und den Augen unserer Kinder.

Ab und zu, in ruhigen Momenten, hole ich die Dokumente hervor. Betrachte Sie aufmerksam und durchlebe diese Phase meines Lebens erneut.

Macht.

Ein erhabenes Gefühl.
 
 

Getaggt mit , , , , , , ,

Picture Skit – North Sea

Getaggt mit , , , , ,
Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 38 Followern an

%d Bloggern gefällt das: