Crawlin’ | Art Wall 04

Bild 1 - John BrosioBild 2 - Till RabusBild 3 - Jeremy GeddesBild 4 - Jeremy EnecioBild 5 - Jonathan Payne

Erst nichts los hier … und dann ‘nur’ auf das Talent anderer verweisen. Welch glorioses Talent es jedoch wieder ist! Auch heuer: Klicken, um zu vergrößern. Alle Werke sind zu 100% Eigentum der jeweiligen Künstler. Eine Neuerung gibt es diesmal (und ab sofort): Sofern möglich wird zu den Kreativen verlinkt.

John Brosio | Till Rabus | Jeremy Geddes | Jeremy Enecio | Jonathan Payne

Ich selbst arbeite an der Fortsetzung der Geschätzten Kollegen und bin guter Dinge, diese (Fortsetzung, Kollegen) in der kommenden Woche fertigzustellen – Urlaub, yay!

Wir lesen uns.

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Grauer Mann, die Zweite

Heute habe ich ihn wieder gesehen: Den Grauen Mann. Ich sehe ihn oft und regelmäßig, wie er da steht mit den anderen Menschen, an der Bushaltestelle. Obwohl diese Beschreibung nicht ganz richtig ist: Ich bemerke ihn eher, gerade weil ich ihn nicht so gut sehen kann. Es scheint, als diffundiere er mit dem Hintergrund der Stadt, in der er existiert. Als passe er sich – einem Nachtfalter gleich – seiner Umgebung an.

Keinen Tag länger, wie ich gleich feststelle.

 

Was zuvor geschah:

Das Morgenritual – der Graue Mann steht auf; er wäscht sich, zieht sich an, frühstückt. Er funktioniert wie ein Roboter, seit er sein Bett verlassen hat.

Das Leben hat ihn gebrochen; zu dem gemacht, was er ist. klein.

Er hat vor sich hingelebt; seinen Körper, seine Seele verlebt.

Jetzt ist er nicht mehr wert, als er verdient. Dessen ist er sich sicher; dieser Satz ist sein Mantra, sein persönliches Naturgesetz.

Bevor er seine Wohnung verlässt, blickt er nochmals in den Spiegel. Schaut in sich hinein. Prüft seine Seele.

 

Da steht er nun, schemenhaft wie an jedem Tag. Die Sonne beleuchtet die Szenerie aus Mensch, Beton und Dreck.

Während ich langsam an ihm vorbeifahre, hebt er den Kopf und blickt hinauf zum Himmel. Ich erkenne auf seinem Gesicht, wie er Kraft schöpft; seinen Geist reaktiviert, ihn hinaufschickt aus den Kerkern seines Seins. Ihm die Kontrolle über seinen verschlissenen Körper gibt, diesen anwirft wie einen eingerosteten Motor.

Der graue Mann atmet tief ein.

Der graue Mann atmet tief aus.

Und dann fängt er an zu tanzen. Einige Side Steps, gefolgt von Heel Splits und Hip Bumps. Er reißt seine Arme in die Höhe, folgt ihnen mit seinem Blick, lacht laut; springt nach links, nach rechts, dreht Piroutten, schlängelt sich an den anderen Wartenden vorbei, und

als

er

mit

einer

weiteren

Drehung

alles

Grau

abschüttelt,

in

reinem

weiß

erstrahlt, seinem bisherigen Leben entgültig entflieht, können ihn

endlich

alle

sehen.

 

Ich

fahre weiter. Nachdem ich die Stadt hinter mir gelassen habe, den üblichen Weg über die Landstraße nach Hause nehme, wird mir klar: An dem Tag, an dem wir bereit sind, Konventionen Lebewohl sagen und sämtliche Normen über Bord werfen

sind

wir

frei.

Alternativ ist Tanzen (vorzugsweise an Bushaltestellen) ein adäquates Mittel. Ein Lächeln umspielt mein Gesicht und ich

summe

I been working so hard
Keep punching my card
Eight hours, for what?
Oh, tell me what I got

 

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Grauer Mann

Heute habe ich ihn wieder gesehen: Den Grauen Mann. Ich sehe ihn oft und regelmäßig, wie er da steht mit den anderen Menschen, an der Bushaltestelle. Obwohl diese Beschreibung nicht ganz richtig ist: Ich bemerke ihn eher, gerade weil ich ihn nicht so gut sehen kann. Es scheint, als diffundiere er mit dem Hintergrund der Stadt, in der er existiert. Als passe er sich – einem Chamäleon gleich – seiner Umgebung an.

Der Unterschied ist: Er war nicht auf Beute aus.

Bisher, wie ich gleich feststelle.

 

Was zuvor geschah:

Wie jeden Morgen steht der Graue Mann auf. Er wäscht sich; funktioniert wie ein Roboter, seitdem er sein Bett verlassen hat.

Das Leben hat ihn gebrochen; zu dem gemacht, was er ist. klein.

Er hat vor sich hingelebt; seinen Körper, seine Seele verlebt. Der Archetyp eines Opfers für Billy the Puppet.

Jetzt ist er nicht mehr wert, als er verdient. Dessen ist er sich sicher; dieser Satz ist sein Mantra, sein persönliches Naturgesetz.

Nachdem er sich für den Tag präpariert hat, bevor er seine Wohnung verlässt, prüft er nochmals, ob sie wirklich da ist. Nur, um ganz sicher zu sein.

 

Da steht er nun, schemenhaft wie an jedem Tag, vereint mit der Umgebung aus Beton und Dreck.

Es regnet (manchmal ist Leben tatsächlich so banal).

Während ich langsam an ihm vorbeifahre, hebt er den Kopf und blickt hinauf zum Himmel. Ich erkenne auf seinem Gesicht, wie er resigniert; Geist, Existenz endgültig aufgibt, beides hinausschickt in Wind und Wasser. Sie den Elementen überlässt, sie forttragen lässt von einer Böe.

Atmet tief ein.

Atmet tief aus.

Und dann zieht er die Pistole aus seiner Manteltasche und zielt auf die neben ihm stehende Person und drückt ab und schießt dann wild um sich auf Brustkörbe und Genitalien und Gesichter und das spritzende Blut färbt den Grauen Mann rot und als er sich weiterbewegt

können

ihn

endlich

alle

sehen.

Als

er

die

letzte

Kugel

für

sich

verwendet. Sich aufschwingt und dem Moloch unwiderruflich entflieht.

 

Ich

fahre weiter. Nachdem ich die Stadt hinter mir gelassen habe, den üblichen Weg über die Landstraße nach Hause nehme, wird mir klar: An dem Tag, an dem unsere Körper entscheiden, in das Bett zu pissen, in dem wir schlafen und in die Hose zu scheissen, die wir am Leibe tragen

sind

wir

frei.

Alternativ ist Kugeln in Körper jagen (am Schluss in den eigenen) ein adäquates Mittel. Ein Lächeln umspielt mein Gesicht und ich

summe

Seasons don’t fear the reaper
Nor do the wind the sun or the rain
(we can be like they are)
Come on baby (don’t fear the reaper)

 

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lebenswert

Es gibt Momente im Leben, Szenen eines Lebens, da passiert nichts, was das Leben, also das eigene, voranbringt. Wenn ich schreibe ‘voranbringt’, dann meine ich die Dinge von denen man sagtdenktglaubt, sie würden ein Leben … lebenswert machen.

Nun kann man alleine schon bezugnehmend der Wortdefinition von ‘lebenswert’ eine Doktorarbeit schreiben; lange Mono- oder Dialoge führen, die dennoch nur an der Oberfläche des riesigen Karamellbonbons kratzen, welches mit seiner Klebrigkeit die Summe dieser Definitionen bündelt.

Auf der anderen Seite (oder – ganz anders – als Bonus, gratis als Sahnehaube obenauf quasi) gibt es da diese Umstände, welche die Wertigkeit des Lebens minimieren. All die Scheissigkeit, die sich tagtäglich, ein ganzes Leben lang, über einem ergießt. Die man wiederum nur dadurch eingrenzen kann, indem man sich in sich selbst zurückzieht, sich transformiert in einen Solitär, soziale Interaktion ausmerzend.

Ich bin ehrlich (und schizophren, bedenkt man das für diese Textaussage gewählte Medium): Soziale Interaktion ist mir ein Greuel. Sie erzeugt Leid, Komplikationen meist; rüttelt an Ketten, die dieses Rütteln stetig verstärken – Gewalt erzeugen, einem Tsunami gleich.

Natürlich gibt es da den sozialen Kontakt, den ich mir wünschte – den ich gerne und mit Hingabe pflegte. Allzuoft steht diesem jedoch gesellschaftliche Konvention, ökonomische Verpflichtung et al. gegenüber.

Ich frage mich nun: Entsteht durch das Ausbleiben lebenswerter Ereignisse zunächst ein Vakuum, dass sich sogleich mit Scheisse füllt? Oder verdrängt der Lebensscheiss den Lebenswert so, wie Füllmasse Luft aus einer Industrieform presst?

Letzten Endes ist die Fragerei nach Huhn und Ei theoretischer Natur, ist das Ergebnis doch in beiden Fällen gleich.

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