Fact, Mind | Fiction, Body

Fact Mind - Icing

Sie ist gescheitert. An schroffen Lebensklippen zerschellt. Am Boden zerstört.

Ihre Wangen sind gerötet, die Augen verquollen; Make Up vermischt sich mit Tränen und rinnt über ihre Wangen. Sie sitzt, findet die Kraft nicht, das Ausmaß ihrer Depression mit den eigenen Beinen zu tragen. Macht sich klein, in sich zusammengesunken, schutzsuchend hinter einer Wand aus Monitoren, in der Ergonomie ihres Drehstuhls.

Ich stehe vor ihr, peinlich berührt ob ihres Gefühlsausbruches.

Ich stehe neben mir und beobachte die Situation: Ein alternder Mann und eine junge Frau, nicht einmal halb so erfahren, lebenserfahren – denke ich. Eine, der das ganze Leben noch bevorsteht – im Gegensatz zu mir.

Bin überfordert; sehe mich nicht in der Lage, zu ihr vorzudringen. Finde die passenden Worte nicht, nicht die richtige Berührung, um dieser Person den Schmerz zu nehmen. Um ihr verständlich zu machen, wie unerheblich ihre Sorgen trotz all ihrer Trauer letzten Endes sind. Dass sie sich vorsehen muss, da das Leben – unbeeindruckt, als wäre nichts geschehen – weiterzieht.

Gerne mit ihr.

Oder: Vorüberzieht.

Ohne sie.

Ich erkenne, dass mein Beschwichtigungsversuch kläglich scheitern muss. Schlicht und ergreifend deshalb, weil ich im Grunde meines Herzens ebenso desillusioniert, traurig … gescheitert bin wie sie.

Fiction Body - Icing

Unter Schock stehend rutscht Nora an der Fahrzeugseite in die Hocke und streckt ihr rechtes Bein aus, um an das in ihrer Hosentasche befindliche Mobiltelefon zu gelangen. Das Zittern in ihrem Arm ist stark und die Hose so eng geschnitten, dass es ihr trotz, oder gerade aufgrund ihrer von steigender Panik geprägten Bemühungen nicht gelingen will.

Der Vorderreifen des vorbeifahrenden Zwölftonners zerquetscht Noras Fuß und einen Teil ihres Unterschenkels mit einem lauten Krachen. Komprimiert Gewebe, Blutgefäße und Knochen innerhalb einer Sekunde auf einen Bruchteil ihrer ursprünglichen Größe. Die beiden hinteren Räder rollen nach vollbrachter Arbeit des vorderen Pneu widerstandslos über die breiigen Reste.

Noras Gedankenkosmos, vorbelastet durch den soeben erlebten Mord, explodiert. Implodiert. Sie blinzelt die Überreste ihres Beins an, Blut und Körpersekret, verspritzt auf der Straße. Verständnislos, spürt keinen Schmerz, spürt nicht, wie Sie in ihre Unterhose uriniert. Vergisst, ihre Hand weiter auf den Weg in ihre Hosentasche, zu ihrem Telefon zu schicken. Vergisst den Mann, der ihrer besten Freundin ein Messer ins Auge getrieben hat, den Mann, der sich um das Fahrzeug auf sie zubewegt.

Nora hebt ihren Kopf und schaut ihm lächelnd ins Gesicht, lächelt weiter im Moment ihres endgültigen Todes, als die Klinge ihre Kehle durchschneidet, lächelt, während das Leben ihren Körper verlässt und sie in sich zusammensinkt.

 

7 Gedanken zu „Fact, Mind | Fiction, Body

      1. Ich stehe tatsächlich grade auf dem Schlauch … Ich würde es tendenziell trennen, aber dann überleg ich, warum Du einen Artikel draus gemacht hast … Aber vielleicht überlege ich auch zuviel … :-)

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        1. Ja, manchmal ist’s ganz simpel. ;)

          Die einzige Klammer ist, dass die beiden Geschichten gegensätzlich sind im Sinne von Wahrheit und Fiktion. Und im Sinne von ‚geistig‘ und ‚körperlich‘.

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