J.

PrologAls ich 19 Jahre alt war, unterhielt ich eine Beziehung zu einer außerordentlich unansehnlichen Frau.

Damit meine ich: Sie war wirklich scheußlich anzusehen. Ihr Gesicht wurde von einem Ausschlag aus dunkelroten, nässenden Pusteln nahezu vollständig bedeckt (ihre rechte Wange war der einzige von dieser Entstellung verschonte Bereich). Ihr Haar war stumpf und für ihr Alter viel zu dünn. Ihr gesamter Körper vermittelte den Eindruck, bereits früh aus der Form geraten zu sein; in seiner Anmutung war er unpräzise und teigig. Rückwirkend betrachtet erinnerte sein Anblick tatsächlich genau daran: An einen Teig, der zum Gehen an einem feuchtwarmen Ort abgelegt und dort vergessen wurde. Wenn ich ehrlich bin komme ich nicht umhin zu sagen: Ihr Aussehen war kaum zu ertragen.

Über ihre geistigen Qualitäten vermag ich wenig zu berichten. Wenn ich schreibe ‚unterhielt‘, trifft dies recht exakt den Kern unseres Verhältnisses – die Frau diente meiner Unterhaltung. Unser Kontakt war sexueller Natur.

Abschnitt IZum ersten Mal wahrgenommen hatte ich Julia auf einer der vielen Feiern, die gegen Ende der Schulzeit im Zentrum der Aufmerksamkeit junger Erwachsener stehen. Ich weiß noch genau, wie erstaunt ich war, im Rahmen einer solchen Veranstaltung auf einen so ausnehmend hässlichen Menschen zu treffen.

Zwar besuchte sie das Fest (was in meinen Augen Anerkennung verdiente), begab sich dort jedoch bereits nach kurzer Zeit wieder in die Rolle des stillen Sonderlings. Alleine, mit einem Getränk in der Hand, stand sie in der Nähe des Ausgangs am Rande des Saales und beobachtete die Feiernden.

Warum ich Julia an diesem Abend ansprach, kann ich bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Möglicherweise aus Mitleid. Eventuell, um mein Ego aufzubessern. Vielleicht wollte ich mir einen bösen Scherz mit ihr erlauben?

Höchstwahrscheinlich war es jedoch so, dass ich bereits zu diesem Zeitpunkt spürte, wie groß Julias Opferbereitschaft und Drang zu völliger Selbstaufgabe war.

Welcher meiner Beweggründe letztlich der entscheidende war – trotz ihrer körperlichen Hässlichkeit übte Julia von diesem ersten Moment an eine unerklärliche Anziehungskraft auf mich aus.

Nachdem ich ihr ein Getränk ausgegeben und ein wenig mit ihr geplaudert hatte, war ich nicht minder erstaunt als ich erfuhr, dass sie schon vor etwas mehr als einem Jahr mit Ihren Eltern in einen Nachbarort gezogen war und seitdem meine Schule im gleichen Jahrgang besuchte. Ich weiß noch wie seltsam es mir erschien, dass sie mir dort zuvor nicht aufgefallen war.

Julia lockerte ihre Zurückhaltung bereits nach wenigen Minuten und begann, unbeholfen über sich und ihr Leben zu reden (es war ihr anzumerken, wie wenig Erfahrung sie im Umgang mit ihren Mitmenschen hatte).

Ich muss gestehen: Ihre Ausführungen interessierten mich wenig. Ungeduldig fuhr ich ihr ins Wort und lenkte unser Gespräch im Anschluss daran rasch in ordinäre Bahnen. Unverblümt erzählte ich ihr von meinen sexuellen Vorlieben und führte Details meiner obszönen Wünsche aus.

Es hatte den Anschein, als würde alleine die Tatsache, dass Julia mir zu diesem Zeitpunkt völlig fremd war dafür sorgen, dass ich mich ihr gegenüber ungewohnt offenherzig verhielt. Bei genauerer Betrachtung spielte jedoch bereits hier ihr devotes Naturell eine entscheidende Rolle – ich erachtete Julia vom Beginn unserer Beziehung an als mir gegenüber minderwertig.

Julia war eine aufmerksame Zuhörerin. Ihr Gesichtsausdruck während unserer Unterhaltung verhieß – trotz meines egoistischen Auftretens (oder gerade deswegen?) – Interesse, Verständnis … Faszination?

Im Anschluss an unser Gespräch tauschten wir Nummern aus.

Julia verließ die Feier kurze Zeit später.

Abschnitt IIWenige Tage danach nahm ich erneut Kontakt zu Julia auf und traf mich in den darauf folgenden Wochen regelmäßig mit ihr. Sie meinen Eltern und meiner Schwester vorzustellen kam natürlich nicht in Frage. Offen gestanden war es mir in hohem Maße peinlich, in meinem vertrauten Umfeld mit ihr zusammen gesehen zu werden. Genauso wenig war ich erpicht darauf, Julias Familie kennenzulernen.

Aus diesem Grund trafen wir uns ausschließlich an neutralen Orten. Meist verabredeten wir uns gegen Abend an einer Straßenecke unweit ihrer Wohnung. Ich hatte meinen Führerschein direkt mit Erreichen des achtzehnten Lebensjahres bestanden und von meinen Eltern zur Belohnung einen gebrauchten, cremeweißen Volkswagen Golf II geschenkt bekommen. Mit diesem fuhren wir gemeinsam in die nächste Stadt.

Versuchte ich, im Rahmen der ersten Verabredungen noch den Anschein einer aufkeimenden tiefergehenden Beziehung zu wahren, reduzierte ich mit der gleichen Forschheit, mit der ich bei unserer Begegnung während des Festes das Gesprächsthema auf Sex gelenkt hatte, sämtliche Romantik aus unseren Treffen.

Bereits am ersten Abend, nach einem gemeinsamen Kinobesuch und einem Essen bei einem qualitativ durchschnittlichen Italiener, mieteten wir uns in ein Stundenhotel ein und ich penetrierte Julia dort ausgiebig.

Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich schätze, dass sich unsere Treffen schon ab der vierten oder fünften Wiederholung genau darauf beschränkten: Wir verabredeten uns telefonisch, ich sammelte Julia an besagter Straßenecke auf, wir fuhren in die Stadt und ich fickte sie während der Nacht in einem der Zimmer des Hotels.

Davon abgesehen hatte ich keinerlei Kontakt zu ihr. In der Schule ignorierte ich Julia vollständig, was mir aufgrund der Tatsache, dass wir unterschiedliche Kurse besuchten und sie keinerlei Berührungspunkte mit meinem Freundeskreis hatte, ohne größere Anstrengung möglich war.

Abschnitt IIIMit fortschreitender Dauer unserer Treffen spiegelte sich in Julias Verhaltensweise in immer stärkerem Maße ihre verzweifelte Hingabe an mich und ihre Position im Rahmen unserer Beziehung wider. Ohne weitere Absprachen ordnete sie sich während unseres Aufenthalts im Hotel meinem Verlangen unter und nahm die Rolle der devoten Gespielin an. Möglicherweise war es aber auch das exakte Gegenteil: Sie legte während dieser Zeit die Rolle ab, die sie im Alltag spielte.

Nachdem ich meine anfängliche Intuition diesbezüglich bestätigt sah erkannte ich: Julia würde alles für mich tun. Je unzumutbarer meine sexuellen Phantasien, je dringlicher mein Wunsch zu deren Umsetzung, desto bereitwilliger würde sie mir dafür zur Verfügung stehen.

Macht ist ein erhabenes Gefühl. Vielfältige Möglichkeiten breiten sich vor dem geistigen Auge aus. Locken und buhlen um Aufmerksamkeit. Wollen ergriffen, in die Tat umgesetzt werden. Überfluss hingegen … stumpft ab. Erzeugt Gier und schafft Extreme.

Ein Verlangen nach mehr, mehr, immermehr.

Ungefähr sieben Monate nach unserem ersten Aufeinandertreffen hatte sich unsere Beziehung zu effizienter Routine gewandelt: Telefonisch teilte ich Julia den Zeitpunkt des nächsten Treffens, eine Auflistung an Forderungen, die sie vorab für mich erfüllen sollte sowie einen genauen Ablauf des Abends mit. Ich entwickelte eine perfide Leidenschaft für das Ersinnen immer demütigender Szenarien.

Anregung besorgte ich mir in Sexshops, die ich ab und zu mit Julia besuchte. Es bereitete mir außerordentliches Vergnügen, dort ausgiebig mit ihr über die Verwendungsmöglichkeiten bestimmter Sexspielzeuge oder die Vorzüge einzelner Sexualpraktiken zu reden. Im Gegensatz dazu wurde während unseres Aufenthalts im Hotel kaum gesprochen; oftmals war Schweigen sogar eine der Vorgaben, die ich Julia vorab telefonisch erteilte.

Ich will offen sein. Noch heute verspüre ich heftige Erregung, wenn ich an das Ausmaß der Perversion denke, das ich im Rahmen unseres damaligen Verhältnisses auslebte.

Tatsächlich nahm ich Julia zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als menschliches Wesen wahr. Vielmehr erschien sie mir als Werkzeug zu meiner Befriedigung, als Gegenstand zur Sättigung unersättlicher Gier.

Wenn ich etwa Julia mit meinem Schwanz in den Mund penetrierte, ihn bis zum Anschlag in sie hineinschob, gab sie mir zu verstehen, wie bereitwillig sie ihr Leben meiner Erektion unterordnete. Dass sie meine Befriedigung über ihr Leben stellte – indem sie sich einverstanden erklärte, daran zu ersticken.

Rekapituliere ich die Treffen im Detail ist mir unverständlich, wieso Julia keinerlei bleibende körperliche Schäden davontrug. Jedoch, es war so. Ungeachtet der Tatsache, mit welch ungestümer Brutalität ich sie in dieser Zeit benutzte.

Heute bin ich mir sicher: Julia degradierte sich in ebensolchem Maße selbst, wie ich sie degradierte. Sie beschloss, nichts weiter zu sein als ein Objekt.

Verfügbar gemacht zu meinem Amüsement.

Abschnitt IVWährend dieser Phase stellte meine Schwester mir Nina vor, ein hinreißendes siebzehnjähriges Oberstufenmädchen.

Ich begann, mit ihr auszugehen. Im Gegensatz zu den Hotelbesuchen (die ich weiterhin regelmäßig mit Julia arrangierte) waren diese Verabredungen geprägt von Romantik und unschuldiger Intimität.

Aufgrund Ihres Charmes verstand sich Nina prächtig mit anderen Menschen. Meinen Eltern war sie bereits durch die Freundschaft zu meiner Schwester bekannt und in meinem Freundeskreis wurde sie schnell akzeptiert. Innerhalb kürzester Zeit verband mich eine tiefe Vertrautheit mit ihr und aus Freundschaft wurde Zuneigung.

Zeitgleich agierte ich im Umgang mit Julia immer unmenschlicher; gerade so, als wollte ich mit der Realisierung meiner übersteigerten Perversionen einen eindeutigen Kontrapunkt zum Harmonieverhältnis mit Nina setzen. Ich kann sagen: Ebenso, wie sich die von mir geführten Beziehungen in immer stärkerem Maße gegensätzlich entwickelten hatte ich das Gefühl, mich in zwei unterschiedlichen Richtungen immer weiter von mir selbst zu entfernen.

Ich möchte im Zuge dieser Schilderungen jedoch sofort betonen, dass mich mein Umgang mit der damaligen Situation in keiner erkennbaren Weise beeinträchtigte. Im Gegenteil: Es scheint, als lebte ich gerade aufgrund der beschriebenen Umstände ein unbeschwertes Leben.

Tatsache ist: Ich hatte meinen Spaß.

Obwohl Julia von meiner Beziehung mit Nina unterrichtet war, stand sie dieser Entwicklung augenscheinlich gleichgültig gegenüber. Sie sprach nicht darüber, äußerte keine neuen oder geänderten Ansprüche an unser Verhältnis und änderte auch sonst nichts an Frequenz und Ablauf unserer Treffen. Falls ich eine Verhaltensänderung an ihr bemerkte dann die, dass sich ihre Opferbereitschaft noch weiter steigerte (sofern dies überhaupt möglich war).

Umso unvorbereiteter war ich, als der Kontakt zu Julia kurze Zeit später jäh abbrach – sie ignorierte meine Anrufe und erschien auch nicht mehr zur Schule, wie meine Erkundigungen bei ihrem Lehrer ergaben.

Ich möchte ehrlich bleiben: Mein primäres Interesse an Julias Verbleib galt nicht etwa der Sorge um Julia selbst, sondern vielmehr der wachsenden Angst, ein ausgezeichnetes Sexspielzeug zu verlieren. Kontakt zu Julias Familie nahm ich dennoch nicht auf; mein Unbehagen diesbezüglich war ungebrochen groß.

Abschnitt VAm 05. November 1993 wird zum ersten Mal das Gerücht laut, Karstadt wolle den Hertie-Konzern aus Gründen der Logistik- und Gewinnoptimierung übernehmen. Das RAF-Kommando veröffentlicht ein Schreiben das deutlich macht, wie stark die Gruppe von inneren Unruhen zerrüttet und in ihrem ideologischen Kurs uneins ist. Weimar wird zur Kulturhauptstadt Europas 1999 ernannt – und die australische Bevölkerung durch mehrere Leichenfunde im Outback in Angst und Schrecken versetzt.

Am 05. November 1993 erfuhr ich von einem Bekannten, dass Julia sich auf dem Dachboden ihres Elternhauses erhängt hatte.

EpilogGegen Jahresende erhielt ich einen Brief von Julias Eltern. Wie sich herausstellte, war ich ihrem Verständnis nach – und basierend auf Aussagen ihrer Tochter – bis zu Julias Suizid ihr fester Freund.

Im Schreiben drückten die beiden ihren tiefempfundenen Dank mir gegenüber aus; es sei erstaunlich, mit welcher Hingabe ich mich trotz meiner vielfältigen privaten Verpflichtungen ihrer Tochter gewidmet habe. Man sei sich sicher: Hätte Julia sich in ihren letzten Wochen nicht so konsequent aus dem Leben zurückgezogen und ich somit etwas mehr Zeit mit ihr verbringen können – die Dinge hätten einen anderen Verlauf genommen.

Dass man bisher keine Chance gehabt habe sich kennenzulernen und dass ich der Beerdigung nicht beiwohnen konnte sei absolut verständlich, wenngleich auch höchst bedauerlich.

Nun, nachdem alle ‚weiteren Angelegenheiten‘ geklärt seien, wolle man keine Umstände bereiten – aber dennoch den Vorschlag unterbreiten, sich bei Gelegenheit zwecks Sichtung und möglicher Übergabe mehrerer persönlicher Gegenstände zu treffen.

TextrennerIch habe niemals auf dieses Schreiben reagiert – Julias Eltern unternahmen ihrerseits keinen weiteren Versuch der Kontaktaufnahme. Den Brief bewahre ich zusammen mit den schriftlich fixierten Auflistungen und Ablaufplänen der Treffen mit Julia noch immer auf. Einem kostbaren Schatz gleich sind die Schriftstücke in einer kleinen verschließbaren Holzschatulle in der Schublade meines Schreibtisches deponiert; verborgen vor Nina und den Augen unserer Kinder.

Ab und zu, in ruhigen Momenten, hole ich die Dokumente hervor. Betrachte Sie aufmerksam und durchlebe diese Phase meines Lebens erneut.

Macht.

Ein erhabenes Gefühl.

48 Gedanken zu „J.

  1. Hat dies auf Lila Sumpf rebloggt und kommentierte:
    Diese Geschichte spaltet mich … meinen Kopf und meine Meinung. Ich verstehe beide Seiten – ich kenne das Gefühl der hässlichen Julia, die nimmt, was sie bekommen kann… Weil es alles ist, was sie bekommen kann (denkt sie). Und ich kenn das Gefühl von Macht, dem Wissen, jemand in der Hand zu haben – bis zum Selbstmord… Ich habe es damals nicht drauf ankommen lassen und seine Freunde alarmiert, er sass schon auf der Fensterbank. Ich bin nicht stolz darauf.
    Vielleicht schockt mich deshalb diese Geschichte nicht mehr, es ist fast wie Alltag… Leider.
    Aber ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mich die Geschichte nicht berührt – nur vielleicht zu sehr, weil sie zu nah an meiner Geschichte dran ist … lest selber … :-)
    Ein schönes Wochenende,
    lila

    Gefällt 1 Person

  2. Ich war so frei, die Geschichte zu rebloggen … Aus ein paar Gründen ist sie zu nah an mir dran, um sie neutral zu lesen… Aber eben das ist die große Kunst – so zu schreiben, dass es trifft …. insofern – alles richtig gemacht :-)

    Gefällt 1 Person

  3. Wow, einer der seltenen Texte, die mir dieses diffuse Gefühl überstülpt, dass sie mehr als das sind: fiktiv. An diesem hier mag ich ganz besonders die Konsequenz, mit der er und die Handlung durchgezogen wurde. Ich war mir recht sicher, dass es anders aus geht: geläutert, irgendwie versöhnlich, jedenfalls nicht gut für ihn. Danke, dass du meine Erwartungen dahingehend NICHT erfüllt hast und Asche auf mein Haupt, weil ich dich offenbar unterschätzte. Großartiger Text! Nun juckt es mich ein wenig in den Fingern, ihre Version zu schreiben…

    Gefällt 2 Personen

      1. Der Name … Vielleicht nennen wir ihn Manuel!? Ich empfehle jedoch, einen ‚eigenen‘ zu finden, der gut im Kopf klingt.

        93-99: Tatsächlich scheint es so zu sein, dass die europäische Kulturhauptstadt mit 6 Jahren Vorlauf gekürt wird.

        Gefällt mir

      1. Zu Nina konnte ich persönlich keinen Bezug aufbauen, aber die Idee generell finde ich auch gut :)

        Und noch mal etwas anderes: Wieso kann nicht auf die Antwort von dasmanuel am 04.08. um 06:50Uhr antworten? Da ist jetzt KEIN Antwortbutton mehr…

        Ich schreibe das mal hier: Zum Namen… argh! Ich vermeide es in meinen Texten IMMER, soweit möglich, Namen zu vergeben, schon gar nicht tu ich das, wenn keiner von selbst in meinen Kopf springt. Deshalb fragte ich, ob er schon einen hat. Nagut, ich schaue mal, was passiert. Zu 93-99: Hm. Also wenn das so ist, hätte ich das tatsächlich weggelassen, das verwirrt doch nur, oder? Ich dachte, es wäre ein Tippfehler.

        Gefällt mir

      1. Ich finde deine Geschichte menschlich abstoßend und widerwärtig, da keine Rücksicht auf die Seele der Frau genommen wird. Aber das weist du doch selber.

        Letztendlich ist deine Geschichte nichts Neues. Sie ist ein alter Klassiker. Zwei Jugendfreunde von mir, die mit Hauspersonal aufwuchsen, hatten ihre ersten Erfahrungen mit dem weiblichen Dienstpersonal. Beide mal endeten die Geschichten mit einem Suizidversuch der Mädchen, als die Jungs sich doch anders orientierten. Was soll’s, der eine sitzt zwischen alleine in einer zu großen Villa, bei dem anderen hat irgendeine Wirtschaftskrise das elterliche Unternehmen dahingerafft.

        Diese Geschichte findet sich auch häufig in der Literatur wieder, beispielsweise denke ich an den Reigen von Schnitzler, hier an die Episode „Das Stubenmädchen und der junge Herr“.

        Das Zitat, das westendstories an anderer Stelle brachte, fand ich nur so schön passend.

        Gefällt 2 Personen

  4. Ich habe keine Beziehung zu BDSM und dadurch wahrscheinlichen einen ganz anderen Blick auf diese Geschichte. Aber ich muss gestehen, ich finde den hier dargestellten Ich-Erzähler höchst widerwärtig und menschlich unter jeder Kritik, ein eiskalter, arroganter, berechnender, ausbeuterischer Typ …….. aber vielleicht soll er das ja sein :)

    Gefällt 1 Person

  5. Ein paar Gedanken zu der Geschichte, etwas lang geworden:

    Wenn sich Frequenz und Ablauf nicht veränderten, wieso kippt dann ihre Einstellung in Richtung Suizid? Ich fände es folgerichtiger, wenn der Protagonist die Treffen evtl einschränkt oder betont, wie glücklich er mit Nina ist.

    Wir wissen natürlich nichts über den Protagonisten und seine Hintergründe.
    Niemand wird aus dem Nichts heraus ein Soziopath (vielleicht hatte er Hippie-Eltern, wer weiß^^), aber das ist ja grundsätzlich für die Geschichte auch nicht von Belang.

    Was mich mehr irritiert ist der Glaube, dem Protagonisten wäre es möglich nach Julias Tod ein unbeschwertes Leben mit Nina führen. Und damit will ich mich nicht auf etwaige Schuldgefühle beziehen, sondern darauf, dass ihm das Gegengewicht nun fehlt, um eine romantische, liebevolle Beziehung zu Julia aufrecht zu erhalten.
    Ich glaube kaum, dass allein der Brief und die Gedanken an die Vergangenheit ausreichen würden, um die sadistischen Neigungen des Protagonisten befriedigen zu können.
    Entweder, er würde sich auf die Suche nach einem neuen „Spielzeug“ begeben oder er würde anfangen seinen Sadismus an Julia auszuleben.
    Er hat Blut geleckt, seine Perversionen immer mehr gesteigert.
    Er würde nicht einfach so aufhören.

    Bezüglich des Todesdatums, welches ja offensichtlich so wichtig für ihn ist, dass er sich an den konkreten Tag erinnern kann, frage ich mich, was überwiegt: Die Trauer, da er sein „Spielzeug“ verloren hat oder die Befriedigung, sie so weit in der Hand gehabt zu haben, dass sie sein Leben für ihn gegeben hat. Vielleicht auch eine Mischung aus beidem.

    Ich empfinde den Brief der Eltern als ein wenig überzogen.
    Insbesondere hier: „Man sei sich sicher: Hätte Julia sich in ihren letzten Wochen nicht so konsequent aus dem Leben zurückgezogen und ich somit etwas mehr Zeit mit ihr verbringen können – die Dinge hätten einen anderen Verlauf genommen.“
    Aus Elternsicht kommt mir das merkwürdig vor. Sie wussten offensichtlich nicht, was los war und warum sie sich zurückzog und hätten auch in Betracht ziehen müssen, dass dieser Rückzug auch mit dem Protagonisten in Zusammenhang stehen könnte.
    Ich hätte den Brief vermutlich neutraler formuliert.
    Obwohl ich sogar glaube, der Protagonist würde durch seine Neigungen auch von einer erschütterten Familie, die ihm offen der Schuld am Suizid bezichtigt, profitieren.

    Übrigens könnte ich mir gut vorstellen, dass, hätte es den Suizid nicht gegeben, aus Julia irgendwann selbst eine unbarmherzige Sadistin geworden wäre.

    Gefällt mir

    1. Oh mys … Lange Antwort am iPhone getippt, falschen Knopf gedrückt, alles weg … bäääh.

      Dann nochmal:

      Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommentar! So was ist keineswegs selbstverständlich.

      Meine Gedanken zu deinen:

      Thema Suizid – oft kündigt sich so etwas durch Verhaltensänderungen an, das stimmt. Ebenso oft hört man nach einem Suizid (oder Attentat, oder Amoklauf) aber auch ‚alles war genauso wie immer‘. Ich habe mich für diese Variante entschieden, weil sie in meinen Augen besser zur Geschichte passt. Denkbar und realistisch sind beide.

      Thema unbeschwertes Leben – interessant dein Verständnis, dass der Erzähler nach Julias Suizid seine ‚dunklen Gelüste‘ ad acta legt. Denn das bleibt in der Geschichte ja komplett offen. Der Erzähler berichtet ausschließlich über die ‚Episode J.‘, aus subjektiver Sicht.

      Das Datum – ist in der Tat nicht das Todesdatum, sondern der Tag, an dem der Erzähler vom Tode Julias erfährt. Ob das jetzt irgendeine Bedeutung hat … darüber schweige ich mich aus. Tatsächlich hat das Datum eine Bedeutung für mich. 😉

      Der Brief – Du hast Recht. Er ist überzogen. Ich wollte darstellen, wie ‚gut‘ es Julia selbst ihren Eltern gegenüber verstanden hat, eine Realität vorzugaukeln, die so gar nicht existierte. Dies durch das ’naive‘ Verhalten der Eltern dem Erzähler gegenüber selbst nach so etwas schrecklichem wie dem Tod ihrer Tochter.

      Entwicklung zur unbarmherzigen Sadistin – da bin ich bei dir. Meine Variante wäre in dem Zusammenhang eine Kooperation mit ihrem Peiniger – dem Erzähler.

      Vielen Dank nochmal,

      liebe Grüße

      Gefällt mir

      1. Ohja, mit verloren gegangen Texten kenne ich mich auch aus…ärgerlich!
        Stimmt, mit dem unbeschwerten Leben habe ich mich vielleicht etwas weit aus dem Fenster gelehnt. Es erschien mir nur so. Vor allem durch diesen Satzteil: „verborgen vor Nina und den Augen unserer Kinder“.
        Ich verstehe das zumindest so, dass Nina seine dunklen Triebe nicht bemerkt bzw. er sie ihr nicht offenbart. Aber natürlich heißt das nicht, dass er nicht nebenher noch sein Unwesen treibt.

        Stimmt, da hab ich nicht aufgepasst. Nicht das Todesdatum, sondern das Datum, an dem er es erfahren hat. Aber er hat es sich über all die Jahre gemerkt.

        Grundsätzlich kann ich mir natürlich vorstellen, dass Julia ihren Eltern etwas vorgespielt hat, ebenso wie unser Erzähler sicherlich (zumindest einigen Leuten gegenüber) imstande ist seine Rolle als liebender Ehemann und Vater zu spielen. Wir tun dies schließlich ständig.
        Die Symbolhaftigkeit der abschließbaren Holzschatulle gefällt mir daher sehr.

        Kooperation mit dem Peiniger… Kommt mir so vor, als hätte ich das schon 1000 Mal gehört. Aber klar, sie könnte sicher einiges von ihm lernen.

        Liebe Grüße und schönen Sonntag!

        Gefällt 1 Person

        1. Bestimmt, weil das immer mal wieder durch die Medien geistert … ein Opfer wird zusammen mit seinem Peiniger selbst zum Täter. Nich besonders originell … aber glaubhaft. 😉

          Die Grüße gebe ich zurück. Samt schönem (Rest)Sonntag!

          Gefällt 2 Personen

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s