Ode an Etwas

Unzeit

Nichtort

vitagenznetsixE

Plötzlich: Lautmalerei. Chaotisch zunächst, dann geordneter, geregelt. Gleichmäßig anschwellend, mehr und mehr mit Stimme versehen – Rezitative, Arien, Chor. Begleitet durch einen Basso continuo in akkordischer Ausführung. Haydn Gott ruft – zur allerersten Morgenröte.

Erschafft die Erde.

7 Tage hat er dafür gebraucht, im Großen und Ganzen, schenkt man Mythologie und Überlieferung … Glauben. Zumindest als Anhänger der christlichen Gotteslehre.

Kurz danach dann: Der Mensch, mit Adam und Eva als inzestuöser Speerspitze unserer ruhmreichen Spezies. In Folge – der ganze Rest.

Genesis. Reality Soap Welt.

Sündenfall. Hass, Liebe, Krieg und Tod. Vergebung und Vergeltung.

Seitdem, immerdar im Grunde: Repetition.

Textrenner

Meinen Myokardinfarkt hatte ich am 05. November 2009, im Alter von 41 Jahren. Ich erinnere mich noch gut an diesen Tag. Den gemeinsamen Ausflug; Sonntags in den Park mit meiner Frau und unserem ersten Kind.

Wir spazieren gerade einen schmalen Waldpfad entlang und unser Sohn rennt lachend auf mich zu. Er hält einen Stock – umfunktioniert zum Schwert – in seiner kleinen Hand und plappert aufgeregt vom soeben ausgetragenen Gefecht mit einem Baum. Seine Gestik, seine Mimik, alles an ihm strahlt Lebendigkeit in reiner Form aus. Unbändiges Wachstum.

Seine hastig vorgetragene Geschichte erreicht ihren Höhepunkt, als extremer Schmerz jäh meinen gesamten Oberkörper erfasst und mich – begleitet von einem heftigen Schweißausbruch – auf den Waldboden zwingt. Ich fühle mich als würde, wie durch eine gigantische Presse, innerhalb eines Sekundenbruchteils sämtliche Luft aus meiner Lunge gedrückt.

Zusammengekrümmt, auf allen vieren kauernd, kotze ich unserem (in seiner Erzählung innehaltenden) Sohn direkt vor die Füße. Kippe dann zur Seite, rolle auf den Rücken und blicke schwer atmend in windbewegte Baumkronen. Das Rauschen in meinen Ohren vermischt sich mit dem Rauschen der Blätter.

Erbrochenes vermischt sich mit Erdreich.

Meine Existenz beginnt, sich mit dem Äther zu vermischen.

Unser Sohn betrachtet mich mit kindlicher Neugier. In seinen Augen vermischt sich Belustigung mit steigendem Unverständnis.

Meine Frau beugt sich über mich. Sagt mir etwas, dass ich nicht verstehe. Mein Blick wird unscharf.

Dunkelheit vermischt sich mit Licht.

Ich verliere das Bewusstsein.

Textrenner

In den Tagen und Wochen der Genesung begann ich zum ersten Mal in meinem bis dato von atheistischen Anschauungen geprägten Leben über die mögliche Existenz einer allmächtigen, allgegenwärtigen Entität nachzudenken.

Gott – besser: Eine vage Vorstellung von Gott – trat auf den Plan.

Textrenner

Zumindest in einem Aspekt ähneln sich sämtliche Glaubensrichtungen: ‚Danach‘ ist besser als ‚Jetzt‘. Was in einem interessanten Widerspruch zur landsläufigen Meinung steht, das ‚früher alles besser‘ war …

Die Frage, die man sich in diesem Zusammenhang stellen muss, ist: WARUM sind alle religiösen Weltbilder so zukunftsorientiert oder – im Umkehrschluss – so Jetzt-verneinend? Anders ausgedrückt: Impliziert nicht der Wunsch beziehungsweise die Vorstellung eines besseren Lebens nach dem Tod, dass das gerade gelebte Leben alles andere als gut ist?

Bilder von Fanatikern, von Fanatismus, tauchen vor meinem inneren Auge auf: Ein in seinen Grundfesten gequälter Mensch, der die Welt als sündenverstopfte Abschlussprüfung auf seinem Weg zum ultimativen Job erachtet.

Harfespieler auf Wolke 7. Fuck yes, baby!

Textrenner

Ich mochte mein Leben. Ich mag mein Leben. Sieht man von den unzähligen verpassten Chancen ab, den ‚Was-wäre-wenn’s; all der Kohle, die nicht verdient, all den Mösen, die nicht beglückt wurden … verläuft es bisher ziemlich überragend.

Jedoch, der Infarkt hat es gezeigt: Dieses Leben, es vergeht. Die Maschine, die meinen Geist beflügelt, verschleißt. Nutzt sich ab, kontinuierlich; ist schon lange abgeschnitten von jeglicher Nachschubversorgung.

Was bleibt, ist der Wunsch, dass die eigene Existenz nicht unwiderbringlich endet. Vollends ausgelöscht, aus dem universellen Ganzen getilgt, zu Nichts wird.

Wie es scheint, eröffnet das Universum zwei Optionen. Ein ‚Geh aufs Ganze‘ kosmischen Ausmaßes, quasi. Entweder der schwerlich beleg- aber ebenso schwerlich widerlegbare Weg des Glaubens. Oder die atheistische Überlegung der Wissensweitergabe an den Nachwuchs – bevor das eigene Wissen in Vergessen diffundiert.

Danke, Jörg: Ich wähle Tor Nummer 2! Zu nebulös erscheint der Gedanke ans paradiesische Himmelreich …

Allerdings: Auch im weltlichen Ansatz entdeckt man bei genauerer Betrachtung Risse im Fundament. Der Wissensübertrag an kommende Generationen – er ist verbunden mit Schwund und Verlust. Im schlimmsten Fall unwiderbringlich. Ganz im Gegenteil zum Kollektivgedächtnis jeglichen Götterglaubens.

In Ewigkeit, Amen!

Deshalb ist sie da, die Erkenntnis: Die Hoffnung, dass etwas – irgend etwas – weitergeht, wenn die Fleischlichkeit endet; dass die Seele transzendiert und nicht durch das Ersterben elektrochemischer Impulse ausgelöscht wird, erweist sich als mächtige Kraft hinter jedem göttlichen Glaubensbekenntnis.

Textrenner

Indes: Von meinem persönlichen Standpunkt aus betrachtet weist Götterglaube mehrere fundamentale Probleme auf.

Zunächst, wie zuvor beschrieben: Man muss sich darauf einlassen. Unlogik annehmen, Widerspruch akzeptieren.

Nicht sonderlich einfach für Menschen, erzogen in einer technisierten, naturwissenschaftlich-logischen Welt. An den Mann auf der Wolke oder einen achtarmigen Kriegsgott zu glauben erscheint nicht mehr oder weniger sinnvoll, als an den Weihnachtsmann. Oder an eine Teekanne

Hat man diesen allerersten Schritt gewagt, lässt man also ein Gutteil Logik fahren und bewegt sich herunter vom Festland Rationalismus, hinauf auf das dünne Eis Glaube, steht das eigentliche Dilemma erst bevor: Welchen Glauben glaube ich? Welche Form nimmt mein Glaube an?

Monotheismus oder Monolatrie?

Polytheismus gar?

Zugegeben: Der Mehrzahl der Gläubigen bleibt diese Entscheidung – zunächst einmal (möglicherweise ihr ganzes Leben lang) – erspart. Ihr Weltbild (somit auch, ihr Feindbild …) wird Ihnen de facto ‚in die Wiege‘ gelegt. Glauben hängt von Erziehung ab; Erziehung wiederum in hohem Maße von Fremdbestimmung.

Aus diesem Grund ist Glauben eng mit Überzeugung verwoben.

Die Symbiose aus beiden Verhaltensmustern erzeugt (hier, erneut, dieses Wort): Fanatismus.

Es scheint, als wollten Menschen glauben, um zu hassen. Hassen, um zu lieben. Lieben … um zu leben?

Leben, um zu glauben.

Der Kreis schließt sich. Ich betrachte die unterschiedlichen Glaubensrichtungen, vergleiche sie miteinander, beobachte Konflikte und erkenne: Götterglauben widerlegt sich selbst, durch seine eigene, stringente Mythologie, die keinen anderen Glauben neben sich zulässt. Nur dass es eben unzählige dieser stringenten Mythologien gibt … die nebeneinander existieren?

Diese Betrachtung wiederum ist vollzogen unter dem Aspekt einer übergreifenden ‚Weltlogik‘.

Deshalb strande ich zwangsläufig bei der Frage: Darf ich unlogisches logisch analysieren?

Textrenner

Was nicht bedeutet, dass ich keine Götter verehre. Verdammte Scheisse, wie definiert sich ‚Gott‘ überhaupt?

Er, es, ist tatsächlich mehr als Symbolik, Opfer und spirituelle Hingabe, mehr als Leben nach dem Tod – sowohl im Rahmen von Religion als auch in der Metaphysik. Ganz allgemein bezeichnet der Begriff eine ‚höhere Macht‘ …

Doch, doch – ich glaube.

An die Fotze; lockend, safttriefend vor Geilheit. Göttin der Gier.

An Produkt, Dienstleistung, Service. Gott des Konsums.

An den vorbehaltlos offenen Blick meines Sohnes, direkt ins Zentrum meiner Seele. Götter im Hier und Jetzt.

An Hedonismus. An Moral und Amoral.

An ‚Jeder bekommt, was er verdient‘.

Daran, dass das Leben explodiert – manchmal: Dir mitten ins Gesicht.

Glaube am Arsch.

Glauben ist alles!

Ich glaube an Leid und Tod, an Leidenschaft und Ekstase. An Libertinage und Holocaust der menschlichen Rasse. Verursacht durch den Menschen selbst.

Ja. Ich glaube!

A God

Not a person
nor a thought

This is it
My last resort
The place where I fuck my virtual whores

My hideaway
My refuge

Where I mentally bleed
Bodily bleed

Mindfully excavate my
creative seed

My empire state of mind

The place where I wasted my youth

Eye for an eye
a tooth for a tooth

 

Kenne deine Götter!

18 Gedanken zu „Ode an Etwas

      1. Erledigt. Danke nochmals!

        Und wie bei der Tatsache, dass irgendein Umstand dafür gesorgt hat, dass meine Hauptdomain von .com auf .de umgestellt wurde (und ich deshalb nicht mehr in Readern auftauchte) habe ich keine Ahnung was dazu geführt hat, dass meine Zeitzone von ‚Berlin‘ auf UT+-0 umgestellt wurde …

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  1. Mein eigentlicher Kommentar… Nun. Wahrscheinlich habe ich mit meiner Ankündigung deiner Erwartungshaltung Vorschub geleistet, so dass du jetzt fast nur noch ent-täuscht sein kannst. Aber es ist, wie es ist. Und so soll es sein. Ich glaube nämlich an Schicksal. An Vernetzungen, an Netze, die wir selbst spinnen. Und dass ebendiese Netze nicht in einem für sich abgeschlossenen Raum gesponnen werden. Sie liegen frei und jedermann/jederfrau kann daran herumspinnen, wie er oder sie mag. Das ist ganz oft richtig gut, nicht selten aber auch ganz beschissen… Am spannendsten sind die Mitspinner, die im Verborgenen spinnen, gar nicht mal absichtlich (aber durchaus bisweilen auch das). Begegnungen, Momente, bedachte und unbedachte Worte aussprechende Menschen oder gar solche die durch einfache Anwesenheit – oder Hey: sogar Abwesenheit – das eigene Schicksalsrad anschubsen… oder anhalten… die Richtung ändern…

    Was hat das alles mit dem Thema zu tun? Lass mich den Weg des geringsten Widerstands gehen und den Kreis damit einfach schließen: DAS wissen nur die Götter!

    Ich habe mir abgewöhnt ihnen und ihren Anhängern zu widersprechen, solange ich es nicht 100%ig besser weiß. Ich meide dieses eine spezielle G-Wort und schaue aber sehr genau hin, wenn jemand es verwendet. Und wenn es Teil eines Blognamen ist… DANN ist klar, dass ich da nachfragen muss. So richtig deutlich ist es mir nicht geworden, dennoch empfand ich deinen Beitrag auf interessante und spannende Weise aufschlussreich, in Bezug auf den Menschen, der sich entschlossen hat seinen Blog KNOW YOUR GODS zu nennen…

    Gefällt 1 Person

    1. Keine Sorge – bestimmte nichterfüllbare Erwartungen hast du nicht geweckt. Ich zeitverzögere selbst kontinuierlich und bin deshalb ganz ehrlich vorbehaltlos froh und dankbar ob der Tatsache, DASS du mir geantwortet hast.

      Zum Thema: Mir selbst ist der Beitrag zu kurz, zu unvollständig. Das war dann wieder so ein Jetzt-oder-Nie-Ding. Und da ich ihn veröffentlichen wollte … Nun ja, einige Aspekte meines persönlichen ‚Götterglaubens‘ kommen zu kurz. Punkt.

      Schicksal vs. Götter … ich würde zwischen diesen beiden ‚universellen Faktoren‘ differenzieren. Spielt das eine mit dem Gedanken des kosmischen Zufalls (bzw. der kosmischen Bestimmung), geht es in meinen Augen bei dem anderen konkret um die äußere Einflußnahme ‚höherer‘ Mächte.

      Hmm … schreibe ich dies, erkenne ich Parallelen zu deinen ‚Mitspinnern‘. Diese würde ich dann tatsächlich eher als ‚Götter‘ bezeichnen denn als ‚Schicksalsweber‘.

      Wichtig ist mir eigentlich nur, dass man nicht glauben muss, um an Götter zu glauben. Und das Götter mitnichten mythologische Entitäten sein müssen – sondern etwas ganz banales wie beispielsweise ein Lächeln sein können. Man sollte allerdings verstehen, welche Götter die eigenen sind – dies der Ursprung meines Blog-Titels.

      Okay … tatsächlich ist mir genauso wichtig, meine ablehnende Haltung bezüglich jedweder Form von religiöser Radikalität zu verdeutlichen …

      Gefällt 1 Person

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