0 – Medaille

Er.

Gescheitertes Experiment. Reiseabbruch.

Teil 1 hier. Teil 2 dort.

 

Tag 2 – Erwachen

Ich werde vom ersten Licht der Sonne geweckt, das durch die Fenster des Wohnzimmers dringt. Eingewickelt in eine grobe Baumwolldecke liege ich auf dem Boden, nach wie vor nackt. Alleine.

Alle Fesseln sind entfernt.

Ich rufe mir den vergangenen Abend ins Gedächtnis und erkenne: Weder konnte ich Ihre Erwartungen erfüllen, noch Ihr Verlangen stillen.

Ich konnte Ihr nicht gerecht werden.

Nachdem klar war, dass ich Ihrer Aufforderung nicht folge, entfernt Sie die Linsen aus meinen Augen, das Seil von meinem Hodensack und legt mir Hand- und Fußschellen für die Nacht an. Mit einem kurzen Befehl heißt Sie mich, auf der Decke zu nächtigen und verlässt mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen den Raum.

Ein Geräusch lässt mich aufhorchen. Ba-bang, Stille, dann wieder: Ba-bang. Es kommt aus dem hinteren Bereich des Gebäudes. Ich folge ihm in eine geräumige Küche, wo ich den Ursprung entdecke: Die Hintertür steht offen und dreht sich in den Angeln; schlägt, angetrieben durch den das Gebäude umwehenden Wind, wiederholt gegen den Türrahmen, einer Trommel gleich.

Ba-bang.

Der Klang betört mich und lockt mich hinaus, auf einen schmalen Pfad, der einen Kräutergarten durchkreuzt. Die Gewächse duften so intensiv, dass mir schwindelt. Ich folge dem Weg bis zu einem hölzernen, in eine niedrige Steinmauer eingelassenen Gartentor. Dahinter führt er durch einen an das Grundstück angrenzenden Wald, schlängelt zwischen Bäumen dahin.

Ein Rauschen dringt an meine Ohren, drängt in mein Bewusstsein. Leise, flüsternd zunächst, dann lauter, lauter, immer lauter. Es erfüllt meinen Kopf, macht das Denken schwer.

 

Tag 2 – Kante

Als er aus dem Wald heraustritt, offenbart sich eine atemberaubende Kulisse. Sie steht am Rand einer Klippe und starrt hinaus auf den endlos erscheinenden Ozean. Die aufsteigende Sonne taucht Ihren Körper in Feuer. Gegenlicht färbt ihn tiefschwarz.

Als er neben Sie tritt, direkt an die Abbruchkante,

nähert Sie sich ihm, packt ihn und drückt ihn an sich. Er kann Ihre Wärme spüren, Ihre Körperlichkeit. Ihre Zuneigung. Ihr Verlangen. Er fühlt sich überfordert von soviel Intimität,

entfernt Sie sich von ihm, straft ihn mit Ablehnung, mit Verachtung. Gibt ihm zu verstehen, wie sehr sein Verhalten vom Vorabend Sie verletzt. Er erkennt die Ursache dieser Ablehnung nicht und wieso Sie von einer solchen Situation derart betroffen ist;

ist verwirrt und weiß nicht, wie er sich Ihr gegenüber verhalten soll.

Im gleichen Moment schlägt das Wetter um. Wind kommt auf, orkanartige Böen treiben Wolken vor die Sonne, wühlen das Meer auf und sorgen dafür, dass aus dem Rauschen der Brandung ein ohrenbetäubendes Tosen wird.

Verstehst du, dass ich nicht bin, was du in mir siehst? versucht er, das Geräusch zu übertönen.

Verstehst du, dass ich als Außenstehender möglicherweise besser erkenne, was gut für dich ist?

Ich denke, das habe ich verstanden. Dennoch bin ich mir im Klaren darüber, dass es mir unmöglich ist, etwas an meiner Situation zu ändern. Das paradoxe ist: Egal, ob ich es tue oder nicht – über kurz oder lang gehe ich zugrunde. Weil aber 1 in diesem Fall weniger ist als 4, bleibt es am Ende doch ganz einfach.

Sie denkt über den Sinn seiner Worte nach und ruft

Ich liebe das, was du sein könntest – aber ich verstehe nicht, was du bist.

Er lächelt.

Weißt du, was komisch ist? Du sprachst einmal von den beiden markanten Männern in deinem Leben. Dem Sturen und dem Unentschlossenen? So viel ich auch darüber nachdenke … ich kann gar nicht sagen, welcher von beiden ich bin.

Sie runzelt die Stirn, setzt zu einer Erwiderung an. Fragt dann nur

Dann ist das das Ende der Reise? Keine weiteren Lieder? Keine Koalas? So schnell so viel Nüchternheit? So viel Distanz?

Danach … sieht es wohl aus. Eins noch: Rede dir bitte nicht wieder ein, du wärest nicht liebenswert.

Mit diesen Worten

springt er …

 

Tag 2 – Endlos

… und fällt.

Worte werden bedeutungslos, Phrasen hohl.

Das Hirn – von allen Gedanken befreit.

Nervenenden veröden.

Hart schlägt er auf dem Boden der Realität auf. Düsternis umgibt ihn. Er rappelt sich auf, klopft sich den Staub vom Körper und versucht, sich an die trüben Lichtverhältnisse zu gewöhnen.

Nach einer Weile erkennt er in einigen Metern Entfernung eine Wand. Er nähert sich ihr und begutachtet sie. Sie erstreckt sich glatt und scheinbar endlos in alle Richtungen. Er grübelt kurz über den einzuschlagenden Weg und beginnt, sie nach links abzulaufen.

Bereits kurze Zeit später entdeckt er eine Tür. Sie ist schnörkellos und erstaunlich passgenau in die Wand eingelassen. Gerade, als er die Klinke nach unten drückt, sieht er ein Schild auf dem steht

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Er schüttelt den Kopf und lässt den Türgriff los.

Die nächste Tür ist mit dicken Balken verrammelt, die Klinke liegt abgebrochen auf dem Boden davor. Das Schild ist von einer Schicht aus Staub und Blut bedeckt. Er wischt es sauber und liest

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Das ist eindeutig, murmelt er.

Und wandert schweigend weiter.

3 Gedanken zu „0 – Medaille

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