Gedanken|gut

Mit den Gedanken ist das so eine Sache. Ich mag meine Gedanken nicht. Oftmals sind sie böse, irgendwasoderjemandverachtend, sarkastisch – im Grunde überhaupt nicht denkenswert.

Die Frau verblutet bei der Geburt des zweiten Kindes
und er steht da
noch Jahre später
und weint
und jammert
aber nicht
weil sie nicht mehr da ist
weil er sie vermisst
sie ihm fehlt
sondern weil er immer noch
Angst davor hat
es alleine nicht zu schaffen

 

Manchmal schäme ich mich für meine Gedanken. Oder sie sind mir lästig. Meist jedoch denke ich mir, direkt nachdem ich einen ganz besonders bemerkenswert seltsamen Gedanken gedacht habe ‚Herrje, warum denkst du so etwas nur? Was ist nur los mit dir?‘

Wenn ich jetzt mit ihr
alleine wäre in einem Raum
abgeschottet von der Außenwelt
geräuschgedämmt
und sie diese Hose und
diese Schuhe anhätte
dann würde ich sie
kaputtficken

 

Die Gedanken erscheinen mir kaltherzig. Dabei bin ich gar nicht kaltherzig; meine Gedanken jedoch … schon.

Ich steige in diesen
supermegaunbezwingbaren Kampfanzug mit
Gatlings an jedem Arm und
riesigen Mengen an Vollmantelgeschossen in den Magazinen
aktiviere meine Waffensysteme und
erschieße sämtliche Mitarbeiter dieses Unternehmens

alternativ
töte ich alle mit
einem Samurai-Schwert

 

Das Interessante daran: Man kann sie ja nicht einfach abstellen, die Gedanken. Man kann nicht einfach denken ‚Nein nein, hör’ auf damit, jetzt!‘. Denn genauso wie dieser Gedanke, sind auch die anderen verqueren, sinistren, grundweg merkwürdigen Gedanken einfach so da.

Was meinem Kind
alles
passieren
kann
Oh mein Gott, wenn es
beim Spielen mit dem Kopf
auf die Steinkante des Gehwegs
fällt, sich den
Schädel aufbricht
wenn es - unachtsam -
auf die Straße springt und von
einem
Auto
erfasst
und
mitgeschleift
wird

wenn es

vor

mir

stirbt

 

Gleich einem Unfall, den man ja selten bewusst provoziert oder gezielt herbeiführt, der vielmehr unvorhergesehen über einen kommt, fallen die Gedanken über mich her. Und schon habe ich wieder einen Grund mich zu fragen ‚Ist das normal?‘

Ich betrachte die Person
mir gegenüber im Bus, die Haut ledrig braun
unnatürlich, Solarium, und ich
sehe, wie die Haut immer weiter bräunt
immer dunkler
hin zu schwarz
und warte darauf
dass der Kopf, nunmehr gänzlich verkohlt,
zerbröselt, am Körper
herunterrieselt

 

Deshalb habe ich keine Wahl – ich muss lernen, mit meinen Gedanken zu leben. Ich kann gar nichts anderes tun, als mit ihnen klarzukommen, sie zu akzeptieren als das, was sie sind. Erzeugnisse meiner Phantasie, die sich brachial ihren Weg an die Oberfläche meines Bewusstseins bahnen; ohne Rücksicht auf Verluste – und den Geist, der sie erschuf.

auf dem Weg zur Arbeit, Landstraße, kurz vor einer Ampelanlage,
ich warte auf grün, fällt mein Blick auf einen Damen-Slip, auf dem
Asphalt der mittleren Fahrspur liegend, aus schwarzer Spitze, mit
cremefarbenen Einsätzen im Schritt und cremefarbener Schleife am
vorderen oberen Rand, und ich frage mich, wie kommt dieser Damen-
Slip, der nichtmals dreckig oder beschädigt erscheint, auf die
Mittelspur dieser Straße, und ich sehe eine Frau im Cabrio, sich
in Ekstase die Unterwäsche vom Leib reißend, ihren Slip in den
nächtlichen Fahrtwind haltend, welcher das kleine Stück Stoff
zerrend packt und unsanft zu Boden wirft

24 Gedanken zu „Gedanken|gut

  1. Ich finde alle Deine Gedanken relativ „normal… Lieber Denken als Machen
    … eher bedenklich finde ich, dass Du Dich beschränken willst, diese Gedanken nicht mehr zu denken. Schon mal ne Flasche Sekt geschüttelte? So stelle ich mir das vor, wenn Du das Denken abstellen willst ;-)

    Gefällt mir

          1. Phantasien sind so wertvoll, vielleicht sogar eine Gabe. Du solltest sie dir zunutze machen und in Bahnen lenken, die dir gut tun. Mit diesen Gedankensplittern da oben, hätte ich längst ein Buch geschrieben, da ist soviel Potential.

            Gefällt 1 Person

  2. Mit gefällt dein Text zu deinen Gedanken und dein letzter Gedanke am Ende der Gedanken.

    Warum alles analysieren? Warum sich auch noch in Gedanken und Tagträumen gesellschaftliche Konstrukte und Erwartungen auferlegen?
    Der Mensch ist ein Mensch.

    Lieben Gruß

    Gefällt 1 Person

  3. Möglicherweise sind genau die, die solche Gedanken niemals haben, nicht normal? Wer weiß ^^ Wie lila Sumpf gesagt hat: Besser denken als tun. Zudem glaube ich, dass solche Gedanken gut für uns sind, möglicherweise zum Verarbeiten von (vielleicht kaum bemerkten) Eindrücken und Gefühlen, möglicherweise brauchen wir sie, damit unser Geist nicht in monotoner Perfektion versinkt – die Worte, um das zu beschreiben, wie ich möchte, finde ich leider gerade nicht… -.-

    Gefällt 1 Person

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