Beobachtungen

Über Schleichwerbung und den Versuch, sie zu unterbinden

Ich kenne mich nicht aus in der deutschen Gesetzgebung zum Thema Schleichwerbung oder Werbung im Allgemeinen, bin mir aber ziemlich sicher, dass es diesbezüglich entsprechende Regularien gibt. Ob und inwiefern sich Sender, Produzenten, Drehbuchautoren, Schauspieler und all die anderen an filmischen Machwerken beteiligten Personen daran halten, sei einmal dahingestellt. Wieviel Sinn eine solche länderbezogene Gesetzgebung in Zeiten internationaler Vernetzung überhaupt macht, ebenso.

Nun kam ich nicht umhin zu bemerken, dass vor allem die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender sehr um die Vermeidung dedizierter Produkplatzierung bemüht sind – mit interessanten Ergebnissen.

So wurde in einem jüngst ausgestrahlten Tatort ein Fahrzeug der Marke ‚W‘ präsentiert. Dass es sich dabei um die schlampig ausgeführte Logotarnung der bekanntesten deutschen Automarke handelte und zudem das meistverkaufte Fahrzeug dieser Marke ‚getarnt‘ wurde (was selbige Tarnung völlig obsolet machte), sei nur am Rande erwähnt. Viel bemerkenswerter empfand ich den Umstand, dass durch die Veränderung des Logos das Augenmerk des Betrachters überhaupt erst auf dieses – und somit auf den Gegenstand, für den eben gerade keine Werbung gemacht werden soll – gelenkt wurde.

Wäre der Golf VII GTI als ebensolcher in Erscheinung getreten … ich hätte ihn nicht weiter oder in angemessenem Maße beachtet (wie beispielsweise die S-Klasse von Mercedes gegen Ende der Episode). Hier jedoch wurde meine Aufmerksamkeit bei jeder neuen Einstellung auf das runde Emblem in der Mitte des Kühlergrills gezogen. Gleiches gilt im übrigen für das – vom Produktdesign sehr charakteristische – iPhone, dem ein betriebssystemfremdes Interface verpasst wird …

Erst durch solche Veränderungen des Gewöhnlichen wird darauf aufmerksam gemacht.

Nun frage ich mich: Werden mit diesen Maßnahmen Gesetzesauswüchse umgesetzt, ohne selbige in Frage zu stellen? Wurden Gesetze geschaffen, die realitätsfremd sind und in der Umsetzung wie Karrikaturen wirken? Oder ist es eventuell sogar so, dass – auf eine besonders komplexe Art – gerade so für diese Gebrauchsgegenstände Schleichwerbung platziert wird? In diesem Zusammenhang fällt mir der im Vergleich falsche, weil gänzlich anders motivierte Marketing-Trick der Zigarettenmarke ‚Death‘ ein, der mit zynischem Witz auf die Gefahren des Rauchens anspielt.

Es mag daran liegen, dass ich für solche Maßnahmen aufgrund meiner visuellen Orientierung besonders empfänglich bin … ich kann mir dennoch nicht vorstellen, dass diese Methodik der ‚Marken-Vertuschung‘ den gewünschten Erfolg erzielt.

Möglicherweise steckt hinter diesem Vorgehen sogar eine grundlegend andere Anforderung?

 

Über die Ästhetisierung des Hässlichen

Neulich sitze ich nach dem Einkauf in meinem Wagen und starre einige Zeit auf eine Plakatwand bevor mir bewusst wird, worauf ich blicke.

Auf eine Werbung für Winterreifen.

Das Plakat zeigt ebendies: Einen Winterreifen auf einer Felge, befestigt an einem Auto, welches durch den Schnee fährt.

Ich benötige eine weitere Minute bis mir auffällt, was genau mich an dieser Werbung stört: Der Schnee, dieses Fahrzeug-bedrohende Medium, offensichtlich auf einer geteerten Straße liegend; der Grund für die Notwendigkeit eines Winterreifen-Kaufs – er ist reinweiß.

Zu 100 Prozent weiß.

Kein einziges Dreckkrümelchen trübt die nicht unbeträchtliche Fläche des Plakats.

Und ich denke mir: Wieso wird der Schnee nicht dargestellt, wie er aussieht auf der Straße? Warum wird matschige Hässlichkeit verschönert zu Zuckergußweiße wie aus einem Märchenbilderbuch?

Der Graphiker in mir sagt: Logisch! Das Layout mag nicht ablenken von dem, worum es geht. Doch dann überlege ich: Wenn dies des Werbers Begehr war, wieso wird der Winterreifen dann in seinem ’natürlichen‘ Element gezeigt und nicht als Solitär vor einer neutralen Fläche? Augenscheinlich geht es doch darum, bildhaft zu erklären, wozu Winterreifen nützlich sind. Was mich wieder zurück zum Ausgang meiner Überlegung führt und der Tatsache, dass das Plakat … lügt.

Nun ist der Einwurf rechtens: Werbung lügt immer (meistens). Was ich beachtenswert finde ist, dass hier nicht das beworbene Produkt schöner oder besser gelogen wird, sondern eine scheinbare Unwichtigkeit wie der es umgebende Hintergrund.

Anscheinend begnügt sich manche Werbung nicht damit, nur das Produkt zu idealisieren. Oder das Produkt ist in seinem Wesen so banal, dass es die Idealisierung seines Umfelds erfordert, um für den Betrachter attraktiv zu erscheinen.

Eventuell ist aber auch noch einfacher:

Der Betrachter eines Werbeplakats soll nichts Hässliches sehen, wenn er darauf blickt.

6 Gedanken zu „Beobachtungen

  1. Schleichwerbung: diese „getarnten“ Marken sind eine Folge des Produkt-Placement-Skandals vor einigen Jahren (als aufgedeckt wurde, daß öffentlich-rechtliche Redakteure Geld für die Abfilmung von Markenprodukten bekommen hatten). Inzwischen lebt eine ganze Branche von Grafikbüros davon, mehr oder weniger verfremdete Produktverpackungen herzustellen, weil jeder Angestellte bei den Sendern panische Angst davor hat, eine Abmahnung zu bekommen. Bizarr wird es dann, wenn derzeitiges „Allgemeingut“ wie Facebook und Google verschleiert wird: Politiker fordern, daß Facebook übersichtlicher werden muß (als wenn es eine öffentliche Institution wäre), aber in der Glotze darf es nicht erwähnt werden…
    Oder wenn – wie neulich mehrmals passiert – nach dem „Tatort“ (mit Fantasie-Marken) ein skandinavischer oder englischer Krimi folgt, in dem ganz beiläufig über „iPhone“, „Dropbox“ und „Google“ geplaudert wird….

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    1. Also trifft meine Vermutung der wurstigen Gesetze / Regularien zu … das macht die dilletantische Art der Umsetzung jedoch nicht besser. Und verfehlt ihr Ziel total, ja kehrt es sogar um.

      Zumindest bei mir.

      Vielen Dank für deinen Beitrag!

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  2. Manchmal bin ich erstaunt, für was Du alles Zeit findest… also worüber Du alles nachdenkst… Faszinierend… Könntest Du als Grafiker in einer Werbeagentur arbeiten? Wenn von Dir weisser Schnee verlangt werden würde? Oder würdest Du kleine Fehler einarbeiten? *g*

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    1. Direkt Hungerstreik!

      Das mit den Gedanken und der Zeit … ist so eine Sache. Die Gedanken passieren ja, ohne dass man sie irgendwie blocken könnte. Schwupps, schon sind sie gedacht.

      Und das Niederschreiben funktionierte in dem Fall erstaunlich schnell. 15 Minuten bis zu diesem Zustand!?

      Interessanterweise kann ich mit Detailbetrachtungen des Banalen üblicherweise wenig anfangen. Das Buch ‚Herr Palomar‘ von Italo Calvino beispielsweise musste ich aus der Hand legen, weil es mich aggressiv gemacht hat … ;)

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