Grauer Mann

Heute habe ich ihn wieder gesehen: Den Grauen Mann. Ich sehe ihn oft und regelmäßig, wie er da steht mit den anderen Menschen, an der Bushaltestelle. Obwohl diese Beschreibung nicht ganz richtig ist: Ich bemerke ihn eher, gerade weil ich ihn nicht so gut sehen kann. Es scheint, als diffundiere er mit dem Hintergrund der Stadt, in der er existiert. Als passe er sich – einem Chamäleon gleich – seiner Umgebung an.

Der Unterschied ist: Er war nicht auf Beute aus.

Bisher, wie ich gleich feststelle.

 

Was zuvor geschah:

Wie jeden Morgen steht der Graue Mann auf. Er wäscht sich; funktioniert wie ein Roboter, seitdem er sein Bett verlassen hat.

Das Leben hat ihn gebrochen; zu dem gemacht, was er ist. klein.

Er hat vor sich hingelebt; seinen Körper, seine Seele verlebt. Der Archetyp eines Opfers für Billy the Puppet.

Jetzt ist er nicht mehr wert, als er verdient. Dessen ist er sich sicher; dieser Satz ist sein Mantra, sein persönliches Naturgesetz.

Nachdem er sich für den Tag präpariert hat, bevor er seine Wohnung verlässt, prüft er nochmals, ob sie wirklich da ist. Nur, um ganz sicher zu sein.

 

Da steht er nun, schemenhaft wie an jedem Tag, vereint mit der Umgebung aus Beton und Dreck.

Es regnet (manchmal ist Leben tatsächlich so banal).

Während ich langsam an ihm vorbeifahre, hebt er den Kopf und blickt hinauf zum Himmel. Ich erkenne auf seinem Gesicht, wie er resigniert; Geist, Existenz endgültig aufgibt, beides hinausschickt in Wind und Wasser. Sie den Elementen überlässt, sie forttragen lässt von einer Böe.

Atmet tief ein.

Atmet tief aus.

Und dann zieht er die Pistole aus seiner Manteltasche und zielt auf die neben ihm stehende Person und drückt ab und schießt dann wild um sich auf Brustkörbe und Genitalien und Gesichter und das spritzende Blut färbt den Grauen Mann rot und als er sich weiterbewegt

können

ihn

endlich

alle

sehen.

Als

er

die

letzte

Kugel

für

sich

verwendet. Sich aufschwingt und dem Moloch unwiderruflich entflieht.

 

Ich

fahre weiter. Nachdem ich die Stadt hinter mir gelassen habe, den üblichen Weg über die Landstraße nach Hause nehme, wird mir klar: An dem Tag, an dem unsere Körper entscheiden, in das Bett zu pissen, in dem wir schlafen und in die Hose zu scheissen, die wir am Leibe tragen

sind

wir

frei.

Alternativ ist Kugeln in Körper jagen (am Schluss in den eigenen) ein adäquates Mittel. Ein Lächeln umspielt mein Gesicht und ich

summe

Seasons don’t fear the reaper
Nor do the wind the sun or the rain
(we can be like they are)
Come on baby (don’t fear the reaper)

 

5 Gedanken zu „Grauer Mann

  1. Bis auf den Fakt, dass ich es niemals gut und gerechtfertigt finde, andere Menschen mit in den Abgrund zu ziehen, sehr passendes Exposé zum Thema „Freitod“.
    Bevor der Moloch zu schwarz und man sich selbst beim Verwesen zu schaut…

    Gefällt 1 Person

      1. Hmm also der graue Mann zumindest findet es gerechtfertigt :-) und ich finde es vermischt sich ein bisschen … Am Anfang finde ich ist die Story motiviert von dem grauen Mann, der gesehen werden will – ein bisschen lese ich da die Motivation von Selbstmordattentätern raus.
        Am Ende geht es für mich um den Freitod, wenn das Leben aufgrund von Krankheit o.ä. nicht mehr lebenswert ist.
        Das ist meiner Meinung nach schwer zu differenzieren (in der Story) … Daher schwierig zu kommentieren :-)

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        1. Ich finde, der findet gar nichts mehr …

          Es soll am Ende eigentlich nicht um Freitod gehen, sondern vielmehr um die Tatsache, dass der gesellschaftliche Mensch nur dann wirklich frei ist, wenn er das Menschsein aufgibt … und das ‚kann‘ er nur mit dem Ende – natürlich oder provoziert.

          Durch den Amoklauf kommt das Motiv ‚Hass‘ auf das Gefängnis Welt hinzu. Was wiederum der Erklärung der Erkenmtnisfindung dienen soll.

          Okay, jetzt hatte ich meine philosophischen 5 Minuten. Und eigene Texte erklären ist irgendwie auch komisch … 😉

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          1. Der Trick ist ja, dass Du nix erklären musst, weil der Leser, jeder Leser, Deine Texte anders interpretiert… :-)
            Mich irritierte lediglich der Absatz über die Inkontinenz :-)
            Weil das – für mich – anders belegt ist und eben nichts mit Selbstmord-Hass-Amoklauf zu tun hat ;-)

            Ich denke, dass ich schon verstanden habe, was Du per se sagen wolltest :-)

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