Paradies, gefunden

MaskenANFANG?

An einem Dienstagmorgen, genauer: An einem bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich gewöhnlichen Dienstagmorgen, präzise um 07:17 Uhr – Rockster ist gerade damit beschäftigt, einen Stau-meldenden Radiosender ausfindig zu machen um zu erfahren, warum er auch heute wieder zu spät zur Arbeit kommen wird – erscheint der Teufel höchstselbst auf dem Beifahrersitz seines Autos. Plötzlich und (das Protokoll für solche Auftritte missachtend) ganz ohne großes Tamtam; ohne lauten Knall, Lichtblitze, Rauch… ist er einfach

da.

Ein gepflegter schwarzer Bart umrahmt seinen Mund, ein Grinsen liegt auf seinen Lippen. Die dunklen Augen und das dunkle Haar, ordentlich gestutzt, streng zurückgekämmt und ölig schimmernd, stehen in scharfem Kontrast zur hellen, papierdünn anmutenden Gesichtshaut. Der Anzug, ein kohlschwarzer Zweireiher mit farblich abgestimmter Weste; das weisse Hemd und die blutrote, von einer silbernen Nadel fixierte Krawatte (Seide, ganz bestimmt); dazu passend schwarze Lacklederschuhe sowie ein ebenholzfarbener Gehstock mit Silberknauf bedienen gängige Klischees.

Ebenso wie das Hornpaar, das über den Augenbrauen ungefähr 3 Zentimeter aus seiner Stirn ragt.

Rockster versucht, das Alter der Erscheinung neben ihm zu bestimmen. Es gelingt ihm ansatzweise (irgendwas zwischen 20 und 60).

»Guten Morgen«, sagt der Fürst der Unterwelt in, wie Rockster findet, bescheiden höflichem Ton.

»Oh…« sagt Rockster und – nach kurzem Zögern ebenfalls – »Guten Morgen«.

»Formidables Wetter heute. Genau richtig für einen kleinen Plausch. Was denken Sie?«

Rockster, perplex, weiß zunächst nicht, was er auf diese Frage erwidern soll, fühlt sich deplatziert und fremd im eigenen Gefährt. Er taxiert das Wesen neben sich und sieht sich in seiner ersten Einschätzung bestätigt: Hörner. Schwefelgeruch. Strahlt Hitze ab…

Der Versucher. Beelzebub. Definitiv!

»Geht so. Ein wenig… schwül, eventuell?« bringt er mühsam hervor. Small Talk mit dem Teufel. Könnte schlimmer kommen.

»Gestatten Sie mir eine Gegenfrage: Kam Ihnen am heutigen Morgen irgend etwas ungewöhnlich vor?« erwidert der Teufel, seinen selbstgewählten Einstieg in die Unterhaltung ignorierend.

Noch immer damit beschäftigt, Herr der Situation zu werden, fällt es Rockster schwer, einen klaren Gedanken zu fassen.

»Was halten Sie davon, wenn wir uns duzen? Das verschafft unserer Unterhaltung die gebührende Intimität. Ich heiße Lucifer.«

»Mein… mein Name ist Rockster« erwidert Rockster.

»Nun, Rockster. Beantworte bitte meine Frage: Kam dir am heutigen Morgen irgend etwas ungewöhnlich vor?«

Rockster vergisst für einen Moment, mit wem er gerade spricht, legt die Stirn in Falten und denkt nach. »Ähm… nein. Zumindest nichts, woran ich mich erinnern würde.«

»Hmm. Das Menschen sich der Tatsache nicht bewusst sind, wie gewaltig die Menge ungenutzter Chancen und möglicher Entscheidungen ist, die im Laufe ihrer weltlichen Existenz an ihnen vorüberzieht, erstaunt mich immer wieder aufs Neue.«

Während Rockster überlegt, was genau er mit dieser Äußerung anfangen soll, beginnt Lucifer neuerlich zu grinsen und blickt durch das rechte Seitenfenster auf die Landschaft hinaus. Rockster beobachtet die auf dem Knauf des Gehstocks liegenden Hände. Die Finger der linken Hand trommeln leise auf den Handrücken der rechten.

Rockster findet: Hübsche Hände. Sehr gepflegt.

»Weißt du, Rockster«, fährt Lucifer schließlich fort: »Deus und ich, wir spielen ein Spiel. Und wir spielen beide unsere Rollen in diesem Spiel – er ist der Meister der verpassten Chancen, ich bin der Herr der Erfüllung.«

»Äh… Deus?«

»Entschuldige. Gottes Name ist euch bei weitem nicht so geläufig wie meiner.«

»Ähm. Aha.« murmelt Rockster. »Ich verstehe Sie… ich meine, ich verstehe dich nicht. Von welchem… Spiel sprichst du?«

»Nun, mit dem Paradies ist das so eine Sache.« sagt Luzifer. »Die gängigen Vorstellungen und Beschreibungen sind im Großen und Ganzen zutreffend. Es gibt jedoch mehrere nicht unwesentliche Details, die entweder unbekannt oder schlichtweg falsch sind.

Zunächst: Es ist ein Irrglaube, dass Deus… dass Gott dir Zugang zum Paradies gewährt oder dich aufgrund deiner Verfehlungen in die Hölle schickt. Das entscheidet sich – nun, ich möchte sagen – anders, und aus diesem Grund sitze ich hier: Ich möchte dir einen Vorschlag unterbreiten.

Zum anderen übersteigt die wahre Natur des Paradieses die Vorstellungskraft des menschlichen Geistes. Ich möchte dennoch versuchen, sie dir zu erörtern, denn auf diesem Verständnis basiert mein Vorschlag. Kannst du soweit folgen?«

Lucifer wendet sich Rockster zu und schaut ihm direkt in die Augen. Rockster kommt sich ertappt vor (er weiß nicht einmal, wobei) und senkt betreten seinen Blick. »Ich denke, schon.«

»Gut, gut.« Der Teufel nickt zufrieden. »Bevor ich auf meinen Vorschlag zurückkomme, lass‘ mich dir eine weitere Frage stellen: Was ist es, was dich ausmacht? Was dein Wesen, deine Existenz ausmacht?«

»Diese Frage habe ich mir nie gestellt.« sagt Rockster leise.

»Deshalb brauchst du dich nicht zu schämen«, erwidert Lucifer. »Das machen die wenigsten. Ich verrate es dir: Es ist der von dir gewählte Weg. Dein Leben, wenn du so willst.

Nun ist das mit der Wahl so eine Sache… Jede Entscheidung, die du triffst, hinterlässt eine Vielzahl alternativer Entscheidungen, die niemals mehr getroffen werden können. Das ist es, was Deus Freude bereitet: Zuzusehen, welche Wege die Menschen beschreiten – und welche Träume, welche Hoffnungen – welche Möglichkeiten – sie durch ihre Entscheidungen unwiderruflich aufgeben.

Um meine Frage an dich selbst zu beantworten: Auch heute Morgen hast du mehrere Entscheidungen getroffen, die dein Leben entscheidend beeinflussen werden, im guten wie im schlechten. Dass du dir dieser Tatsache nicht bewusst bist zeigt nur, wie geschickt Deus die Tragweite einer Wahl verbirgt.

Was jedoch viel interessanter ist – durch deine Entscheidungen hast du unendlich viele Alternativen in Sekundenbruchteilen beiseitegewischt.

Und da kommt das Paradies ins Spiel… MEIN Paradies, wie ich an dieser Stelle anmerken möchte, ohne allzu überheblich zu klingen. Denn ich bin derjenige, der darüber entscheidet, wo deine Seele in Ewigkeit existiert.

Am simpelsten beschreibe ich es so: Das Paradies ist für alle gleich. Es ist ganz einfach vollkommen.«

Rockster, den Ausführungen lauschend, legt die Stirn in Falten und fragt: »Moment. Wie kann etwas, das für alle gleich ist, vollkommen sein?«

»Eine berechtigte Frage« erwidert Lucifer. »Die Antwort ist: Eben deshalb IST es vollkommen. Es ist gleich – auf eine sehr persönliche Art und Weise. So, wie die Farbe Rot für alle gleich ist… und doch von jedem unterschiedlich wahrgenommen wird.

Wie nun aber äußert sich diese Vollkommenheit? Kannst du es dir denken?«

Rockster zuckt mit den Schultern. »Ich… ich muss… keine Entscheidungen treffen?«

»Wunderbar. Du bist auf dem richtigen Weg… Genau genommen ist das Paradies das Treffen aller möglichen Entscheidungen, das Nutzen sämtlicher Chancen. Um es einfach auszudrücken: Das Paradies ist perfektes Leben.«

Rockster lässt die Tragweite dieser Aussage auf sich wirken und stimmt Lucifer zu – begreifen kann er sie nicht.

»Die Sache hat jedoch einen Haken«, erklärt Lucifer weiter: »Deine Entscheidung – die letzte Entscheidung, die du treffen musst – für das Paradies, für die Vollkommenheit… muss bewusst erfolgen. Du musst sie treffen, mitsamt ihrer endgültigen Konsequenz.

Eventuell hilft es, wenn ich dir versichere: Deus‘ Versprechungen von einem Leben in Buße und dem Paradies nach dem Tode – sind nichts weiter als Taschenspielertricks, um die Menschen länger im eigenen Team zu halten.«

Lucifers Blick ruht weiter auf Rockster, als er fragt:

»Verstehst du, was das bedeutet? Kannst du dir vorstellen, wie mein Vorschlag lautet?«

Rockster fragt sich, ob er halluziniert oder möglicherweise dabei ist, seinen Verstand zu verlieren. Wenn er diese seltsame Situation richtig interpretiert, erklärt ihm der Teufel gerade vom Beifahrersitz seines Autos aus, dass gängige Vorstellungen vom Leben nach dem Tode falsch sind und Menschen der Zutritt zum Paradies vielmehr… durch… Selbstmord gewährt wird?

Im gleichen Moment keimt eine tiefgreifende Erkenntnis in ihm auf: Wenn er, Rockster, nicht verrückt ist (er ist mit Sicherheit NICHT verrückt; niemand, der nicht bei klarem Verstand ist, verbringt seine Lebenszeit allmorgendlich freiwillig zusammen mit anderen Menschen im Stau) und die neben ihm sitzende Person demnach tatsächlich der Teufel selbst ist; wenn dieses Wesen ihm also sachlich erörtert, dass Suizid die Eintrittskarte in einen ewigen Vergnügungspark ist…

was sollte ihn daran hindern, sich auf Lucifers Vorschlag einzulassen?

Er denkt an seine erste große Liebe, Eva (ohne Mist!). Er denkt an seinen Entschluss, Kinder zu zeugen (definitiv Mist!). An den Tod seines Vaters und dass er es nicht geschafft hat, sich rechtzeitig auszusöhnen. An diesen Sportwagen, den er hätte haben müssen…

Rockster ist nicht gläubig, er war es noch nie. Langsam hebt er seinen Kopf und lässt nun seinerseits den Blick in die Ferne schweifen:

»Verzeihung, aber… wieso sollte ich dir, wieso sollte ich… dem Teufel glauben? Wenn du andeutest, dass ich mich umbringen soll, um in Ewigkeit sämtliche Realitäten zu er-leben, vollkommen zu leben, wie du es beschreibst; wenn ich mich dazu entschließe, in… äh… dein Team zu wechseln – wie weiß ich, ob ich dir

glauben kann?«

»Rockster. Ich bin kein Philosoph – ich bin der Teufel.« sagt Lucifer schlicht.

Das Trommeln seiner Finger wird schneller und lauter; Rockster meint, ‚Paradise City‘ zu erkennen. Oder ist es ‚Highway to Hell‘?

Um ihn herum löst sich der Stau langsam auf.

Masken

An einem bis zu diesem Zeitpunkt gänzlich unauffälligen Dienstag Morgen, präzise um 07:42 Uhr, steigt Rockster aus seinem Auto hinaus auf die Mittelspur der Autobahn und hat gerade noch genug Zeit, sich dem herannahenden Kieslaster entgegenzudrehen, bevor dieser ihn frontal erfasst und viele Meter weit über den Asphalt schleudert.

Die Wucht des Aufpralls komprimiert Rocksters Körper auf einen Bruchteil seiner ursprünglichen Größe, zerstört Knochen und die meisten der inneren Organe. Treibt dem Fleisch seinen Geist aus, für immer.

Nach wie vor grinsend und auf die gleiche unprätentiöse Art, wie er erschienen ist…

verschwindet der Teufel wieder.

ENDE?

27 Gedanken zu „Paradies, gefunden

      1. Wobei die dann doch aber etwas… langweilig wäre, oder? Eine Aneinanderreihung von Gesichter-Panels. Außerdem bin ich ganz schlecht in Mimik. Richtig schlecht.

        Aber ich verspreche dir: Wenn ich mal ’nen Comic zeichnen will, dann nehme ich das hier als Vorlage.

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        1. Du hast das schon mal angefangen, ich fand das SO grandios! Du bist mal wieder zu bescheiden oder wie man diese Hemmungen nennt … Stell‘ doch bitte mal das Scribble von damals hier rein… Ich würde mir das wünschen, wenn ich das noch dürfte.. So mit Signatur und Rahmen und so.. :-)
          Ich würde sogar für eine (nicht digitale) Ausarbeitung Geld bezahlen… :-)

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  1. Und dann noch das: Ich vermisse ein bisschen die „Brutalität“ aus Deinen früheren Schaffensperioden. Hier gibt es auch den DasManuel-Surprise-Inyourface-Twist am Ende aber mir fehlt das Grauen. Ich mag beide Figuren aber auch viel zu sehr, würde mich mit beiden auf ein Bier treffen :-)
    Daher vielleicht ganz gut, dass es nicht ganz das Ende von früher nimmt … :-)

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