Nachtmahr

Nachtmahr

Ich sitze in meinem Büro und starre ins Leere, seit Stunden. Bin unkonzentriert, müde. Gähne laut (Hand vor den Mund!), nicke ein. Sekundenschlaf, mehrmals schon. Die Kollegen mustern mich besorgt, ‚Na, geht’s gut? Du siehst schlecht aus!‘. Danke der Nachfrage, es geht so.

Das Kind schreit. Seit einer Woche schreit es, jede Nacht, außer zum Luftholen ununterbrochen. Es verleiht seinem nicht näher bestimmten Unglück mit einer Mischung aus gequältem Greinen und stoßweisem Luftholen Ausdruck, jeder Laut herausgepresst aus dem winz’gen Mund, ins Dunkel geschleudert. Töne wie Maschinengewehre, eine aggressive Kakophonie.

Die Gefühle sind vielfältig. Vielfältig emotional. Allerdings ist Vielfalt endlich. Da ist kein Platz mehr für Mitleid oder Fürsorge; beides aufgegeben irgendwann in der fünften oder sechsten Nacht. Kapitulation, die Platz schafft für eine furchtbare Mischung aus Ungeduld, Wut und Abscheu. Ich begreife, warum manche Menschen Ihre Kinder solange schütteln, bis sie aufhören zu schreien. Bis sie ruhig sind. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, schlecht ob der Tatsache, dass ich ihn denke. Ich schäme mich für mein Denken, während der nächste Schreikrampf in meinen Ohren schrillt.

Meine Frau, ebenso entnervt wie ich, schonungslos, wirft mir mangelnde Unterstützung vor, Gleichgültigkeit gegenüber der Situation, gegenüber unserem Kind. Ich erwidere, dass ebendiese Gleichgültigkeit mich davor bewahrt ausfallend zu werden, gegenüber unserem Kind. Dass unsere Anteilnahme an der Agonie dieses Lebewesens apprallt an dessen Hysterie und deshalb vergebens ist. Dass der kleine Körper sich unserer Nähe entwindet, mit übermenschlicher Kraft.

Vergebens auch mein Appell. Meine Frau und ich verstehen einander nicht. Das fortlaufende Geschrei vergiftet nicht nur die Empathie zum Kind, sondern auch die Empathie zwischen seinen Eltern.

Mit beginnender Morgendämmerung schließlich entscheidet meine Frau, herumzufahren.

Ich bleibe allein zurück, in ohrenbetäubender Stille.

 

11 Gedanken zu „Nachtmahr

  1. Wo war der „gefällt mir nicht“-Knopf?

    Ohne selbst Eltern zu sein, kann ich aber immerhin meine zustimmendes Nicken schriftlich darnieder legen – immerhin habe ich mit 1,5 Schreikindern zusammengewohnt, kurz aber intensiv. Die schlimmsten 3 Minuten meines Lebens waren mit einem dieser Kinder im Auto – schreiend. Also das Kind. Ich hatte Mühe das Baby (4 Monate) überhaupt festzuhalten.
    (Heute erdrückt mich dieses Kind mit Liebe und findet mich voll knorke, kann sich ja auch nicht an den Horror erinnern!)

    Ob es Deine Fiktion oder Deine Realität ist, für andere ist das auf jeden Fall jeden Tag Realität, leider. Da helfen keine aufmunternden Worte oder Hilfsangebote, kein Oropax und kein vorgekochtes Essen. Das ist einfach großer, großer Mist.

    Ein Schreikind als Foltermethode. Garantierter Schlafentzug plus dauerhafte Beschallung.

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    1. Leider, leider befinden wir uns hier zu 100% in meiner Realität. Glaub mir – gäbe es einen ‚Gefällt mir nicht‘-Knopf, ich würde ihn drücken.

      Wenn ich darüber nachdenke, drücke ich ihn seit 2 Nächten immer wieder in meinem Kopf …

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      1. Ich habe es befürchtet, aber ich habe auch Deine Warnung im Hinterkopf, dass auf Deinem Blog Realität und Fiktion nicht immer zu trennen sind.

        Wie geschrieben: Es gibt rein gar nichts, was man Dir und Deiner Frau sagen kann, was da hilft :-(

        Die Ursachenforschung ist so ein weites Feld… Bei dem einen Kind war es der falsche Nuckelaufsatz und es hatte schlichtweg Hunger. Bei dem anderen eine durch die Geburt verschobene Brustwirbelsäule.

        Theorien, dass sich Eure Unruhe und Stress auf das Kind überträgt helfen Euch genausowenig wie… tja … vorgekochtes Essen :-(

        Man ist versucht blöde Witze zu machen oder gute Ratschläge zu geben…. Sowas wie „immerhin kannst Du Freitag im Kino gut schlafen?“ oder „Bring dem Kind die Kartenspiel-Regeln bei, dann schläft sie freiwillig“… Super hilfreich, i know.

        Nachvollziehen kann ich die Reaktion auf Deine vermeintlich stoische Ruhe… Man erträgt nordische Typen nicht so gut, wenn man grade in Wallungen ist und die Nerven blank liegen :-)
        Hinterher sieht man vielleicht ein, dass die – vermeintliche – Ruhe ganz gut war und vor weiteren Eskalationen bewahrt hat, aber in dem Moment wünscht man sich einfach nur IRGENDEINE Emotion, möglichst eine, die als Blitzableiter für das eigene Emotionserupt dienen könnte. Weil man vielleicht selbst solche Schüttelgedanken hat und sich sowieso benachteiligt fühlt – Du hast es ja schließlich gut und darfst den Tag über ins Büro… So oder so ähnlich könnte es im Kopf der Hausdame abgehen.

        Spazieren gehen. VIEL Spazieren gehen.

        Gefällt 1 Person

  2. Uh, wenn etwas an die Nerven geht, dann das. Fühl mit dir. Ich weiß es hilft nichts, zu wissen, das es sich ändern wird. Mein Tip dennoch, es wäre nicht das erste Mal, das ein Baby zum Beispiel einen Arm ausgekugelt hat, von der Geburt und es davon ausgegangen wird, das es einfach so schreit. Ich persönlich kenne zwei wo das der Fall war. Jedes Mal erst Wochen später entdeckt… Muss kein Arm sein, kann was anderes sein.
    Und wechselt euch ab, bei nächtlichen Fahrten. Kann ich zumindest raten ;)
    Liebe Grüße !

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  3. „Ich begreife, warum manche Menschen Ihre Kinder solange schütteln, bis sie aufhören zu schreien. Bis sie ruhig sind. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, schlecht ob der Tatsache, dass ich ihn denke.“
    Ich kenne diesen Gedankengang nur allzu gut.
    Ich hoffe, es ist nun besser?

    Gefällt 1 Person

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