zerbrochen

Es begab sich , dass ich während der vergangenen zwei Wochen aufgrund diverser Privatigkeiten keine Zeit zum Bloggen hatte oder, anders: Keine Zeit fürs Bloggen aufbringen wollte.

Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet markieren diese beiden Wochen für zwei Personen eine lange überfällige und überaus schmerzhafte Zäsur – die Deckungsgleichheit mit der Grabesruhe hier ist bezeichnend.

Ich bin es.

Ich habe gelogen.

Habe Lila angelogen, über einen langen Zeitraum.

Geschwiegen, wenn die Möglichkeit bestand, die Wahrheit auszusprechen. Eine Wahrheit, die zu leugnen aus unterschiedlichen Gründen so abstrus sinnlos war dass es schwerfällt, überhaupt Gründe für die Lüge zu nennen.

Die Art und Weise, wie Lila davon erfahren hat, war schändlich. Dennoch bin ich froh, dass Sie es erfahren hat – ich bin mir sehr sicher, seit längerem unfähig gewesen zu sein, mich Ihr zu offenbahren.

Viel wurde in Lilas Blog geschrieben über die Motivation eines Lügners … meiner Lüge – von mangelndem Selbstwertgefühl war die Rede, von idealisierter Selbstdarstellung. Von Boshaftigkeit und Gleichgültigkeit.

Ich kann sagen: Maßgeblicher Motivator meines Handelns war Angst. Die Angst, einen Menschen zu verlieren, bevor man ihn richtig kennenlernt. Die Angst, ihn zu verlieren, weil man ihn besser kennt. Die Angst, diese Person zu verletzen, unwiderruflich schwer. Die Angst – die präziser Feigheit heißt – meine Lüge einzugestehen.

Ich kann sagen: Der Zwang zum Weiterlügen – wenn es denn überhaupt einer war – war meiner. Niemals gab mir Lila einen Grund – das Gegenteil war der Fall. Es gab Situationen, mehrmals, da präsentierte sich mir die Möglichkeit, Wahrheit zu sprechen, auf einem Silbertablett – sag es und alles ist vorbei.

Chancen, vertan.

Angst zu verlieren.

Angst, die präzise Feigheit heißt.

Ich kann sagen: Nichts lag mir ferner als boshaft zu sein. Niemals war mir Lila gleichgültig.

Und doch lässt mein Handeln wenig mehr an Rückschluss zu.

o.O

Dass Sie sich mit mir zu einem Gespräch getroffen hat, macht Lila tatsächlich zu einem besseren Menschen als mich. Ich konnte nicht verstehen, wie Sie dazu in der Lage ist (heute begreife ich es, wenngleich ich nicht behaupten kann, dass mich diese Erkenntnis weniger traurig macht); war dankbar für die Chance, mich entschuldigen zu können und Ihr persönlich zu sagen, wie leid es mir tut.

In diesem Gespräch fragte Sie mich, wie es mir möglich war, die Wahrheit in all der Zeit zu verschleiern. Wieviel Energie ich dafür aufbringen musste. Die schlichte Erkenntnis: Wenig. Die Lüge wurde nicht aufgebauscht; es gab kein Konstrukt, nichts wurde dazuerfunden.

Es wurde einfach nicht ausgesprochen – oder geleugnet, wenn danach gefragt wurde. Wahrscheinlich ist das der maßgebliche Faktor für die enorme Spanne der Lebenserhaltung. Das Weiterlügen kostete wenig Kraft, die Verkündung der Wahrheit immer mehr.

o.O

Mit den von mir beschworenen Mahren muss ich fortan leben. Dem Wissen, Lilas Vertrauen missbraucht zu haben. Dem Bewusstsein (nunmehr offiziell analysiert und den Vorstellungen vieler Umstehender entsprechend), schlechter Umgang für Sie zu sein. Am besten abgehakt zu werden.

Aber auch: Der Einsicht, dass Lila dennoch ‚mit mir umgeht‘ – wohl wissend, dass das anormal ist (im Sinne gesellschaftlicher Normvorstellungen) und ihren Selbstwert mit vergifteten Speisen füttert.

Was noch schlimmer ist? Mit den von mir beschworenen Mahren muss auch Lila fortan leben. Eine unumstößliche Tatsache unabhängig davon, ob wir weiterhin Kontakt haben oder nicht.

o.O

Am Ende ist die folgende Feststellung mit ziemlicher Sicherheit unangemessen. Ich treffe sie dennoch, weil ich bei aller Schuld ein gewisses Maß an Fairness erwarte (keine Vergebung, wohlgemerkt; sie soll mein Handeln nicht entschuldigen oder dessen Tragweite schmälern):

Jeder Mensch ist ein Lügner. Niemand ist frei von Lüge.

Wer behauptet, es zu sein – lügt.

Was Menschen weiterhin miteinander auskommen lässt, ist Zuhören. Verstehen wollen. Unter Umständen auch: Verzeihen.

Lila hat zugehört.
Sie wollte verstehen.
Wie es weitergeht?
Wir werden sehen.

In diesem Sinne …

zerbrochen

©fotolia

PS: Lila hat den Hinweis erbeten, dass Sie mich auch in Bezug auf diesen Eintrag zu nichts gezwungen hat. Ihrer Meinung nach klingt der Artikel sehr nach ‚Buße tun‘ – und damit liegt Sie sehr richtig.

14 Gedanken zu „zerbrochen

  1. Und das wäre der Zeitpunkt, an dem ich den Countdown für den Flug zum Mond vielleicht doch noch mal anhalten würde. Ich finde es beachtlich, dass du dich als DER outest. Niemand hätte es vermutlich je herausgefunden – Lila hätte es bestimmt nicht gesagt. Ich finde es toll, dass du es von dir aus machst. Auch wenn ich nicht weiß, was vorgefallen ist, aber es nach dem, was Lila geschrieben hat, vermutlich in erster Instanz als nicht Entschuldbar ansehen würde, diese Entschuldigung verdient eine kleine Chance.

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  2. Angst ist der schlechteste Berater, den man finden kann. Aber man kann ihm in den Arsch treten. Das haben Sie hiermit getan und unabhängig von allen Fehlern, die Sie offenbar machten, verdient dieses öffentliche Bekenntnis zunächst einmal Respekt.

    Viel größer ist jedoch mein Respekt für Lila. Was ihr gerne als Schwäche ausgelegt wird, auch von mir bisweilen, entpuppt sich hier als ganz große Stärke. Nach dem berechtigten Auskübeln ihres Ärgers versucht sie das verletzende Verhalten eines Freundes zu verstehen. Meine Hochachtung, aber das schrub ich ihr bereits selber.

    Was könnte man noch sagen, außer daß nur Sie beide es in der Hand haben, wie es weitergeht. Viel Glück, mutiges Herz und offenen Blick dafür!
    Ich grüße Sie respektvoll, Ihre Frau Knobloch.

    Gefällt 3 Personen

    1. Vielen Dank für die offenen Worte.

      Bei der Schwäche, die in meinen Augen eine Stärke ist, bin ich ganz bei Ihnen – und verstehe in dem Zusammenhang die Meinung der Therapeutin (‚Sie haben keinen Stolz‘) in keiner Weise …

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  3. So. Aus meiner Perspektive ist das natürlich auch interessant und bisschen Restkotze ist mir beim gedanklichen Sortieren durchaus hochgekommen. Mit dem letzten Absatz und deinem Hinweis auf die restliche Menschheit hast du das zuvor Geschriebene für mich quasi fast komp eliminiert.

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      1. Naja, jedenfalls mit dem einen Finger auf die anderen gezeigt, weißt du ja selbst, mit wie vielen du wieder auf dich zurück zeigst. Meine Erfahrung ist, (ohne damit eine Wertung abzugeben): you did it once, you’ll do it twice. Den Respekt fürs öffentliche HosenRunterLassen hast du nicht verdient. Mit dem Wissen, das DU hast, wie Lila tickt, ist das aber natürlich sehr elegant und geschmeidig. Es ist nur ein weiterer Spielball, von dem du ziemlich sicher wusstest, wie sie ihn auffangen wird. Das tut jetzt alles ein bisschen weh, aber najaaa, irgendwie bist du da doch ganz gut durchgekommen, oder? Mein Respekt, aber auch mein Bedauern gilt Lila, deren Gunst du nicht würdig bist. Ja, Menschen lügen. Menschen, die Lügen wünschen sich manchmal nichts sehnlicher, als dass ihre Lügen auffliegen, um sich der Belastung zu entledigen. Dir war es offenbar leicht, damit zu leben, das ist was ich da oben rauslese. Und jetzt ist es auch leicht, denn wer kommt schon gegen das Argument Angst an? Welcher Mensch würde dir die absprechen? Ich finde widerlich, wie dir dafür teilweise noch übers Köpfchen gestreichelt wird. Ich unterstelle dir keine Bösartigkeit, aber ich unterstelle Unbedachtheit. Unterlassene Sorgfaltspflicht. Mangelnde Aufmerksamkeit. Unaufrichtikeit. Wenn ich mir dich vorstelle, dann sehe ich dich in gebückter Haltung, auf dem Rücken einen schlaffen, weil leeren Sack, den Blick allein auf dich zurück gerichtet. Du könntest eigentlich aufrecht gehen, aber dann würdest du neben dir Lila sehen müssen, deren Päckchen jetzt noch schwerer geworden sind. Und trotzdem hält sie dir das Händchen. Ich würde sie dir abhacken.

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        1. Vielen Dank auch dir für die offenen Worte.

          Die Meinungen und Auffassungen, wie in solch einer Situation mit mir, dem Lügner umzugehen ist, sind unterschiedlich. Alle haben Berechtigung und die meisten ihre Richtigkeit.

          Respekt fürs öffentliche HosenRunterLassen war zu keiner Zeit mein Bestreben und tatsächlich habe ich es auch zu keiner Zeit so verstanden, dass mir diesbezüglich jemand Respekt zollt. Solch einen Text zu veröffentlichen hat immer etwas von ‚fishing for compliments‘; die Unvermeidbarkeit dieser Interpretation liegt in der Natur der Sache.

          Neben dem persönlichen Gespräch war es mir dennoch wichtig, Lilas Gedanken zu ergänzen und mich – hier, ‚vor‘ ihr und der Schnittmenge unserer ‚Folger‘ – bei ihr zu entschuldigen. Profilieren, in irgendeiner Form, wollte ich mich nicht.

          Meine Angst möchte ich nicht abgesprochen haben, denn das war keine gesunde Angst (eine solche darf man durchaus haben), sondern es war Feigheit; die Feigheit davor, meine Lüge zuzugeben.

          Alle deine Unterstellungen unterschreibe ich (auch die mangelnde Aufmerksamkeit, allerdings nicht im Kontext der Lügnerei). Damit hast du vollkommen Recht.

          Dass Lila mir die Hand nicht abgehackt hat – dafür danke ich ihr ein weiteres Mal. Mein Respekt gilt Ihr, eben weil Sie mir die Gunst gewährt, noch um Sie sein zu können.

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